Sie hatte die Hände im Schoß geschlossen. Sie drückten sich noch fester ineinander. Ihr Blick wich wieder seinem Auge aus. Und dann sagte sie, auch wie in einer inneren Scheu, ganz leise: „Harro ... mir ist’s, als sei auch die zerbrochen ...“
Erst als sie schon am Wagen stand, in dem schmalen Posthof, unmittelbar vor dem Einsteigen, sprach sie noch einmal zu ihm. Ganz kurz nur: „Du bist gestern sehr gut zu mir gewesen, Harro. Ich danke dir vielmals. Und wenn du kannst, Harro ... denke nicht schlecht von mir.“
Er schluckte ein paar Male, als ob er mit Tränen kämpfte. Dabei hatte er die Hände wieder in den Manteltaschen, zu Fäusten geballt. Ruckweise nur erwiderte er: „Schlecht von dir! Ach ... Helene ... nie ... niemals. Ich ... du weißt es ... ich hab dich ja so lieb. Manchmal denk ich, du müßtest eigentlich meine Schwester sein ... manchmal ...“ Plötzlich riß er die Hände aus den Taschen und griff nach ihrer Hand. Das Blut kam und ging in seinem Gesicht. „Nimm’s dir doch nicht so zu Herzen, Helene! Das ist ja alles dummes Zeug ... das ...“
Der Postillion blies. Der Kondukteur drängte. Über Harro schien etwas wie innere Wut zu kommen, er mußte sich irgendwie Luft machen. Mit einem Ellbogenstoß schob er einen dicken Wollhändler zur Seite, schrie ihn an: „Was machen Sie sich hier mausig. Sehen Sie nicht, daß die Dame einsteigen will!“ — Dann hob er Helene in den Wagen, deckte ihr die Reisedecke über die Knie, drückte noch einmal ihre Hände. „Adieu, Helene ... auf Wiedersehen ...“ Da war seine Stimme schon wieder knabenhaft weich geworden. „Bleib gesund ...“
Und dann stand er, die Mütze in der Hand, neben dem hohen Wagen. Der Wind spielte mit seinem blonden Haar. „Adieu ... liebe, liebe Helene ...“
Trotz allem: Helene fühlte sich erleichtert, als sie allein war unter fremden Menschen.
In den endlosen Stunden der Nacht, während sie gelegen hatte, wach mit geschlossenen Augen, mit der Verzweiflung ringend, war, langsam und allmählich, ein neues Gefühl in ihr erwacht. Während der ganzen Fahrt heute war es gewachsen und gewachsen. Nun sie allein war unter den fremden Passagieren, sann und sann sie ihm nach. Es war ein Empfinden, das ihr unsagbare Schmerzen brachte und an das sie sich doch klammerte wie der Ertrinkende an die schmalste Bootsplanke. Es war der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?!
Gestern abend — deutlich stand der Moment vor ihrer Seele — gestern abend, am Palais, war einer Warnung gleich in letzter Minute der Weckruf in ihr erklungen: was Vater wohl sagen würde? ‚Mädel, wo hast du deinen Stolz?‘
Gestern abend hatte die Leidenschaft sie darüber hinweggepeitscht. Nun klang er immer wieder auf, der Vorwurf: wo hattest du deinen Stolz?
Es war ja freilich nur wie eine schmale Bootsplanke —