Wie sie so saß und sann und grübelte, rann es ihr immer wieder siedend heiß durch die Adern. ‚Und wenn er heut käme und umfaßte dich und du hörtest seine Stimme: wo bliebe dein Stolz? Wie Schnee in der Sonne wäre er.‘ Aber wenn sie so dachte, dann bäumte sich jetzt ihr ganzes Inneres dagegen auf. Die Scham überflutete sie: ‚Nein! Nein! Und wenn er käme! Eine andere war ich gestern — eine andere bin ich heute! Ein Leben liegt zwischen gestern und heut.‘

Auch das fragte sie sich immer wieder: warum fliehst du vor ihm?

Plötzlich in der Nacht, aus der Verzweiflung geboren, war ihr der Entschluß gekommen, und sie hatte nach ihm gegriffen: auch wie der Ertrinkende nach der schmalen Bootsplanke. Nun war ihr Stolz wach geworden und schrie ihr zu: warum fliehst du vor ihm! Aber da war auch die Scheu vor dem Kampf und die übergroße Müdigkeit. Da war die Furcht vor den forschenden Blicken — auch vor Harros wissenden Augen. Da war die Sehnsucht nach Ruhe, nach der Enge und Stille des Landes, nach dem Frieden des Elternhauses.

In ewig gleichem Trabe zog die Post ihres Weges, zwischen den ewig gleichen Pappelreihen entlang, durch die ewig gleichen Schneeflächen, die sich rechts und links breiteten, schier endlos.

Gleichgültig saßen die drei anderen Fahrgäste in ihren Ecken. Fremde Leute — gottlob. Dann und wann blies der Postillion ein kurzes Lied, immer, wenn der Wagen durch ein Dorf ratterte. Ein paar Stimmen dann am Wege, ein Hundegekläff, ein Peitschenknall — und wieder die weite, weite Schneeebene.

Als sie hinausgefahren war aus der Heimat, hatten die Wiesen noch im Grün gestanden. Nun war es Winter geworden. Winter —

Die Gegend wurde bekannter; hier ging der Weg nach Sodelzig ab; dann klangen die Hufschläge scharf auf dem berühmten Pflaster von Stellberg. An der Apotheke fuhr die Post vorbei — hinter jenem Fenster dort hatte sie ihn zum ersten Male gesprochen.

Die drei Hügel kamen, die Mutter Hoffnung, Liebe, Glaube getauft hatte: vom ersten aus sollte man hoffend die Kirchturmspitze von Rohlbeck suchen; beim zweiten sich in der Liebe beglückt fühlen, die in der Heimat wartete; das dritte brachte die nahe Gewißheit des Wiedersehens. Glaube war für Mutter Gewißheit.

Aber je näher die Heimat kam, desto banger wurde Helene.

Warum war sie aus Berlin geflohen? Trug sie die Unruhe nicht in sich, mit sich, in den Frieden der Heimat hinein? Mußte sie nicht auch hier fragenden, forschenden Augen begegnen? Würde man nicht auch im Elternhause um Auskunft drängen?