Sie sah das nun alles ganz, ganz anders vor sich, als in der vergangenen Nacht, wo die schmerzliche Sehnsucht nach der Heimat sie ergriffen hatte. Sie hörte das Fragen, sie fühlte das Forschen der Ihren und wußte, daß keine Antwort sie befriedigen würde. Wem konnte, sollte sie sagen: ich bin geflohen — vor ihm!

Eine: eine war vielleicht im Elternhause, die sie ganz verstehen konnte. Vielleicht?

Nun schimmerte schon der rote, hohe Schornstein der Dampfmühle über das Schneefeld. Und wie sie das sah, da fiel ihr noch ein rein Äußerliches auf die Seele. Sie sah im Geiste auch das ganz deutlich: die Jungen an der Chaussee, die Posttasche abzuholen, den Hauslehrer dabei —

Mit einem plötzlichen Entschluß sprang sie auf und pochte vorn an die kleine Wagenscheibe. Der Kondukteur sah sich um, öffnete, fragte. Sie wolle hier aussteigen. Jawohl — hier! Und das Gepäck? Das Gepäck sollte in Rohlbeck abgegeben werden, bei denen, die die Posttasche für das Dominium holten.

Die Chaise hielt. Der dicke Wollhändler wachte auf und machte brummend Platz, so wenig, als zum Aussteigen gerade unumgänglich nötig war. Der Kondukteur war abgestiegen, stand am Schlag: „Es ist aber tiefer Schnee —“

Aus ihrem kleinen Portemonnaie holte Helene das letzte Zehngroschenstück für ihn hervor.

Und dann bog sie in den Feldweg ein, der von der Dampfmühle nach dem Gutshof führte.

Es war wirklich tiefer Schnee und kein Fußweg ausgetreten. Anfangs hastete Helene, dann wurde ihr das Ausschreiten schwer und immer schwerer. Sie fühlte, daß ihr der Schweiß ausbrach vor körperlicher Anstrengung, und dabei schüttelte sie der Frost.

Schwerer und schwerer wurde der Weg — und schwerer und schwerer wurde ihr das Herz.

Welch ein Wiedersehen!