Nun war sie am Kreuzweg, dicht hinter dem Garten. Wie ein phantastischer Gedankenblitz fuhr ihr durch den Sinn: vor diesem Kreuzweg hatte sie sich als Kind immer gefürchtet; die alte Beate, die Kindermuhme, erzählte so gruselige Geschichten vom Kreuzweg zur Nachtzeit.

Und jetzt kannte sie den anderen Kreuzweg; den Kreuzweg des Lebens, der in die Nacht führte ...

Das Dach des Elternhauses leuchtete über die kahlen Baumgipfel.

Da flog Helene, die letzten Kräfte anspannend, durch den Garten. Zum Seiteneingang hin, zu den Wirtschaftsräumen im Souterrain. Auch die Bettler pochten hier an — auch die Bettler.

Hochaufatmend stand sie unten im kalten, halbdunklen Flur. Die Tür zur Leuteküche war nicht ganz geschlossen, ein dichter, heißer Brodem kroch aus ihr hervor.

Hochaufatmend stand sie, vom schnellen Lauf erschöpft. Die Hände preßte sie gegen die Brust: ‚Lieber Gott, gib mir eine gnädige Aufnahme —‘

Mit einem Male ging ganz hinten im Flur die Tür zur Milchkammer.

Helene stürzte vorwärts, umklammerte die Schwägerin, legte den Kopf an ihre Brust, bat nur immer wieder: „Martha ... Martha ... hilf mir!“

Und Martha half in ihrer stillen, schlichten, resoluten Weise. Ohne viel Worte, ohne Fragen und Drängen, ohne forschende Augen.

„Wie sich das gut trifft“, sagte sie. „Dein Zimmer ist geheizt. Wir erwarteten nämlich Margaret Zieldorf. Komme nur —“ Und wie eine, die alles errät, fügte sie hinzu: „Den Eltern bring ich’s nachher bei, damit sie nicht erschrecken.“ Fragte auch gleich nach dem Gepäck, rief eine Magd. „Gut, daß die Jungens Arbeitsstunde haben.“ An alles dachte sie.