Oben brachte sie Helene zu Bett. „Nun ruh dich nur. Ich besorg dir gleich etwas Warmes. Still! Erst ruhen und eine warme Tasse Brühe.“ Zog die Decke fest um Helene, beugte sich herab, küßte sie auf beide Wangen.
Mit weit offenen Augen lag Helene. Nun erst fühlte sie die Abspannung nach der Fahrt, nach dem Gang durch den Schnee und die kalte Starrheit aller Glieder. Manchmal schüttelte der Körper zusammen vor Frost. Aber langsam, allmählich kam doch die wohlige Wärme. Der große, braune Kachelofen sprühte, ab und an gab’s ein heimliches Knastern in den Buchenscheiten. Dann kam Martha zurück, setzte sich aufs Bett: „Natürlich hatte die Köchin keine Brühe, aber ich hab dir schnell ein Warmbier gemacht. Hier — so — und nun trinkst du. Still! Nicht reden. Morgen ist auch noch ein Tag.“
„... die Eltern ...“
„Ja doch, laß mich nur sorgen. Vorläufig bist du mal krank. Nein ... ich will gar nichts wissen. Trink noch einmal. Übrigens, Vater liegt auch zu Bett.“
„Vater?“
„Du brauchst nicht zu erschrecken, er ist kerngesund. Aber er sollte doch nach Berlin reisen, zum Jubiläum der Befreiungsveteranen, und das paßt ihm nicht.“
Martha lachte ganz leise, streichelte Helenes Hand und erzählte weiter, wie man einem Kind erzählt, um es auf andere Gedanken zu bringen. „Nämlich, wie Papa die große Einladungskarte bekommt, stutzt er und sagt bloß: ‚Das heißt‘ ... wird ganz rot, steckt die Einladung ein und geht aus dem Zimmer. Den ganzen Tag gestern haben wir ihn kaum zu Gesicht bekommen, und gegen Abend wurde er ‚krank‘ — ‚das heißt‘, meinte er ‚nach Berlin kann ich nun nicht‘. Wir hatten wirklich etwas Sorge. Aber dann kam der Pastor, und da erfuhren wir’s: unser guter Papa ist nämlich gar nicht Rittmeister. Premierleutnant ist er, und die Einladung war an den Premierleutnant von Hackentin gerichtet, wie das wohl in den Listen steht. Die Leute haben ihn nur zum Rittmeister ernannt, und allmählich hat er’s selber geglaubt. Nun nimmt er’s gewaltig krumm, liegt im Bett, schimpft mit Diana und sagt, wenn einer von uns hereinkommt, immer wieder: ‚Das heißt, nach Berlin kriegt ihr mich nicht. Ich bin krank.‘ Aber das Essen schmeckt ihm, Gott sei Dank.“
„Der arme Papa —“
„Laß nur gut sein. Es ist doch mehr komisch als tragisch. Aber nun will ich mal nach meinen Rangen sehen.“
Sie war schon bis an die Tür, da rief Helene sie zurück. Mit leiser, ängstlicher Stimme. Wie ein Flehen klang’s. Und als sie noch einmal an das Bett trat, richtete Helene sich auf und klammerte sich fest an ihr: „Geh nicht fort ... ich muß mein Herz erleichtern ... ich muß dir alles erzählen ...“