Nun stand er vor der Kirchentür, stellte sich Vater vor, bat, ihn mit den Damen bekannt zu machen, und entschuldigte sich zugleich, daß er in Rohlbeck noch nicht seinen Besuch abgestattet; die Übernahme und die erste Einrichtung hätten ihn völlig in Anspruch genommen. Er sagte das alles sehr ruhig, durchaus weltmännisch, bescheiden und doch sicher.

Der alte Rittmeister, kein Freund besonderer Förmlichkeiten, forderte ihn freundnachbarlich auf, „mit hinüber zukommen zu einem einfachen Frühstück und einem Willkommensglase“. Holfen warf einen fragenden Blick auf die alte Gnädige, und da diese die Aufforderung wiederholte, nahm er an.

Seitdem war er ein ziemlich häufiger Gast im Herrenhause. Das Vorwerk Grunow lag näher an Rohlbeck wie an Rackow, war auch dort eingepfarrt; Ernst Hackentin hatte daher einen hübschen Vorwand gehabt, die „schwer zu bewirtschaftende Enklave abzustoßen“. Nun kam Holfen bald mit dieser, bald mit jener Anfrage und kleinen Bitte. Unverheiratet, hatte er allerlei Nöte bei seiner Etablierung, die ihm Anlaß gaben, sich bei dem Rittmeister oder noch mehr bei Martha Rat zu holen. Und sie alle hatten ihn gern. Mutter fand bald heraus, daß einer von den pommerschen Holfens eine Baer zur Frau gehabt hätte, deren Mutter wieder eine Komteß Grucker gewesen, und er hörte dem umständlichen Nachweis dieser Verwandtschaft „durch sieben Scheffel Erbsen“ äußerst artig zu. Mit Vater hatte er kleine anregende militärische Diskurse; er war erst vor anderthalb Jahren aus seinem Regiment, den Pasewalker Kürassieren, geschieden. Mit Martha gewann er bald besonders viel Berührungspunkte, denn sein wirtschaftlicher Eifer und eine gewisse frische naive Art, gerade sie immer aufs neue um Rat anzugehen, machten ihr Freude. Die Jungens schwärmten für ihn. Es kam ihm gar nicht darauf an, gelegentlich mit ihnen einen Wettlauf durch den Garten zu riskieren, und außerdem verstand er allerlei kleine Künste, die ihnen riesig imponierten, fabrizierte köstliche Flöten und ausgezeichnete Meisenkästen.

Gegen Helene war er äußerst zurückhaltend, und sie wieder war vielleicht die einzige im Herrenhause, die wenig auf ihn achtete. Höchstens, daß sie manchmal die Schwägerin ein wenig mit ihm neckte. Merkwürdigerweise hatte die stille Martha Verständnis für einen harmlosen Neckton und ging nicht ungern auf ihn ein. „Dein Courmacher kommt!“ hieß es einmal, und: „Gesteh’s nur, Martha, du hast heut wieder ein zartes Zwiegespräch mit deinem Verehrer gehabt!“ hieß es ein andermal. Und Martha nickte: „Hatten wir auch — über die beste Art der Putenfütterung nämlich. Das ist doch gewiß ein zartes Thema.“

„Ist er wirklich so nett?“

Dann wurde Martha gleich wieder ein bißchen ernst: „Nett? Ich weiß nicht. Aber ein ordentlicher, strebsamer, fleißiger Mann ist er.“

Das war sicher richtig. Helene hörte es von allen Seiten bestätigen. Es hieß auch, daß er das Vorwerk nur gekauft hätte, um sich als angehender Landwirt nicht von vornherein zu stark zu engagieren; er sei recht wohlhabend.

Übrigens war er nicht ohne höhere Interessen. Dann und wann kam es doch vor, daß Helene und er auf kürzere Augenblicke allein waren, und fast regelmäßig schlug er dann ein Thema an, das sie fesselte. Einmal fand er sie auf der Veranda über dem kleinen Geibel-Band, den ihr Harro geschenkt hatte. Da zitierte er:

„Wir können’s kaum erwarten:

Wann wird die Eiche grün?