Ein andermal war er am Nachmittag gekommen und hatte, ohne daß sie davon wußte, mit den Eltern in der großen Stube gesessen, während sie nebenan mit einer Handarbeit beschäftigt war.
Sie war gerade an diesem Tage in einer besonders gehobenen Stimmung, die sie jetzt nicht selten, wie in einer Art von Reaktion, überkam. Die Arbeit hatte sie sinken lassen, am Fenster hatte sie gestanden, lange Zeit, und über die grünen Wiesen hinweggeschaut, auf denen die Augustsonne lag. Dann war sie an den Flügel getreten und, recht aus ihrer Augenblicksstimmung heraus, sang sie Goethes „Auf dem See“.
„Und frische Nahrung, neues Blut
Saug ich aus freier Welt.
Wie ist Natur so hold und gut,
Die mich am Busen hält.“
Warum war sie gerade auf dieses Lied gekommen? Sie wußte es selber nicht. Aber sie fühlte, daß es sie emporhob, gleich wie auf Schwingen. Etwas Erhabenes, Befreiendes lag in den schlicht schönen Strophen —
„Aug’, mein Aug’, was sinkst du nieder?
Goldne Träume, kommt ihr wieder?
Weg, du Traum! so gold du bist;