Hier auch Lieb und Leben ist.“

Sie sang nicht weiter. In einem stillen Wohlgefühl saß sie noch eine Weile, die Hände auf den Tasten, ging dann wieder ans Fenster, öffnete die Flügel weit, atmete die würzige Luft. Und die Schlußstrophe klang leise in ihr nach: „Weg, o Traum! so gold du bist — Hier auch Lieb und Leben ist.“

Vom Felde kamen die Erntewagen. Ein paar Schnitter gingen nebenher, eine Frau, in der einen Hand ein Kind, in der anderen eine kleine Garbe aufgelesener Halme. Und blau stand der Himmel darüber.

Nachher erschrak sie ein wenig, als Holfen sie begrüßte: „Ich habe schon häufiger in der Kirche Ihre schöne Stimme bewundert. Aber ich hörte Sie noch nie im Hause singen. Darf ich Ihnen danken?“

Beinahe feindselig sah sie ihn zuerst an. Was sie gesungen hatte, wie sie es gesungen hatte, war so ganz ihr Eigenes gewesen.

Fast schien es, als ob er Ähnliches in ihrem Gesicht lese. Er wurde ein wenig verlegen, faßte sich dann aber: „Etwas Merkwürdiges ist’s um Goethes Lyrik. Sie ist selber Musik. Aber wie herrlich hat sich gerade Schubert den Empfindungen Goethes angepaßt, so daß beides, Ton und Wort, nun doch ein Ganzes scheinen. Und nun muß ich doch eins sagen: ich habe das Lied zum letzten Male von Amalie Weiß gehört. Sie werden wissen, die Wiener Sängerin, die kürzlich den großen Geigenvirtuosen Joachim geheiratet hat. Aber wenn ich ehrlich sein soll: vielleicht war Frau Weiß die größere Künstlerin — mehr Seele lag in Ihrem Gesang.“

Es war so selten, daß Helene Hackentin über ihre Kunst sprechen hörte. Und wenn sie auch die übertriebene Bewunderung ablehnte, sie freute sich doch ein wenig.

Einmal — nicht viel später — meinte Martha neckend: „Hör’, Lene, du machst mir aber jetzt meinen getreuen Courmacher abspenstig.“

Da blickte sie ganz erstaunt auf, fand sich nicht gleich in den scherzenden Ton und antwortete beinahe ernst: „Holfen? Wir sprechen ja fast nie miteinander.“

Sie waren beim Wäscheaufhängen auf der Wiese hinter dem Hause, und Martha kämpfte einen kleinen Kampf mit dem Wind, der ihr ein großes Tischtuch fortreißen wollte. Sie hatte gerade eine Holzklammer zwischen den Lippen und konnte nicht eher weitersprechen, als bis die auf Leinwand und Leine untergebracht war.