Helene mußte lächeln. Hinter Harros Zeilen stand immer noch etwas Besonderes, etwas Heimliches, nur für sie Bestimmtes. Er schrieb nie von seiner anbetenden Liebe. Manchmal hatte sie geglaubt, daß er die mit der Schulmappe und der Jungensmütze abgestreift, daß sie sich ihm und ihr wirklich in gute Kameradschaft gewandelt hätte. Aber dann kamen wieder Wendungen, die sie anders deuten mußte. „Wir haben gestern nacht die dritte Parallele ausgehoben. Ganz dicht vor den Schanzen. Sternenklar war die Nacht. Da hab ich hinaufgeschaut zu den blitzenden Sternen, und ich hab immerfort an Dich denken müssen.“

Vater war sehr unruhig in diesen Tagen. Nie konnte er die Posttasche erwarten. Und wenn er aus der „Kreuzzeitung“ das Neueste vom Kriegsschauplatz vorlas, dann kramte er aus dem kleinen Schatz seiner kriegsgeschichtlichen Erinnerungen allerlei Ergänzungen, Erläuterungen hervor. Der Sturm auf die Düppeler Schanzen stand ja bevor. „Wird viel Blut kosten, das heißt, die Artillerie hat natürlich mächtig vorgearbeitet. Aber so ein sturmfreies Werk, mit Graben und Bastionen — keine Kleinigkeit das!“ Ganz aus dem Häuschen waren die Jungens. Papier und Bleistift schleppten sie heran, Großvater mußte ihnen aufzeichnen, wie das eigentlich war: ein sturmfreies Werk und Parallelen und Laufgräben. Eine ganz wunderliche Zeichnung kam dabei heraus. Am Sonntag betete Heckstein von der Kanzel für unsere Tapferen in Schleswig-Holstein.

Und Helene betete herzinnig mit. Nicht daß sie sich um Harro sorgte. Wie hätte dem frischen lieben Harro etwas geschehen sollen? Das schien ihr ganz ausgeschlossen, sie dachte gar nicht daran. Aber die Hände schloß sie doch und bat um Sieg und flocht auch Harro dabei im stillen einen Lorbeerkranz.

Am 18., in der Dämmerstunde, ritt eine Estafette in Rohlbeck ein, ein Stellberger Postillion. Artenau hatte einmal eine vernünftige Idee gehabt und an den ungeduldigen alten Rittmeister gedacht, sich’s zwei blanke Taler kosten lassen.

Mit zitternden Händen riß Vater die Depesche auf. Sie umdrängten ihn alle auf der Veranda, sogar Mutter war herausgekommen, als der Postillion am Tor ins Horn gestoßen hatte.

„Düppel heut vormittag glorreich erstürmt. Schwere Verluste. General Raven tödlich verwundet.“

Der alte Rittmeister hatte sein Käppchen abgenommen.

Sie sahen alle zu ihm empor. Er las noch einmal. Und dann setzte er hinzu, mit bebender Stimme: „Unsere brave Armee! Endlich wieder einmal ein preußischer General für König und Vaterland geblutet. Der erste nach fünfzig Jahren. Jungens, nun lauft! Zum Kantor. Läuten soll er — läuten!“

Eine Stunde später war die Posttasche da. Die „Kreuzzeitung“ wußte noch nichts. Und auch die vom nächsten Tage brachte nur die erste Siegesdepesche und einen einzigen Zusatz: siebzig Offiziere tot und verwundet, gegen tausend Mann. Aber ein kurzer Brief Wilhelms an Martha war dabei: „Ich komme morgen. Lauter gute Nachrichten. Berlin schwimmt in Begeisterung und Jubel.“

Mit Extrapost kam er, ein paar Stunden früher, als erwartet. Die Jungens hatten oben von ihrem Fenster aus mit ihren Luchsaugen die Postchaise schon erspäht, als sie noch bei der Dampfmühle war, und hatten das ganze Haus alarmiert. Wieder standen alle auf der Veranda.