Als er aus dem Wagen sprang, rief er: „Martha, Vater — ich hab die Konzession. Die Eisenbahn ist durch!“
Er stürmte die Stufen hinauf, umhalste einen nach dem andern, sagte, rief immer wieder: „Ich hab die Konzession. Es ist alles in Ordnung. Vater, ich hab vierzigtausend Taler dabei verdient. So freut euch doch! Freut euch doch!“
Sie freuten sich ja auch alle. Aber die große Spannung war in so ganz anderer Weise gelöst, als sie es erwartet hatten. Er mußte es endlich merken. Er lachte: „Ja, so — natürlich, ihr habt alle Düppel im Kopf! Ihr wißt wohl gar nichts Näheres? Großartig! Berlin hättet ihr vorgestern abend sehen sollen. Wie toll zogen die Massen durch die Straßen. Alle Häuser waren illuminiert. Da haben die Berliner nun auf die Soldateska geschimpft und geschimpft, und jetzt sind sie auf einmal Feuer und Flamme. Der König bekam die Depesche von der Erstürmung der ersten sechs Schanzen auf dem Tempelhofer Felde, als er gerade die Franzer besichtigte. Er fuhr gleich nach dem Palais. Da standen schon Hunderte und Tausende und sangen das Preußenlied. Er soll Tränen in den Augen gehabt haben.“
Wilhelm hatte sehr schnell gesprochen. Nun holte er Atem und fuhr langsam fort: „Freilich — schwere Verluste. Daß General von Raven schwer verwundet ist, wißt ihr wohl schon. Ja, und unsere arme Tante Oschitz ... Harro ist vor Schanze VI gefallen —“
Da schrie Helene auf.
Neuntes Kapitel
Die alten Herrschaften saßen allein auf Rohlbeck.
Wilhelm hatte gleich erklärt: jetzt müßte es ein Ende haben mit der ewigen Trennung. Er sehne sich, Weib und Kind bei sich zu haben. Die Jungens sollten auch aufs Gymnasium. Das letztere war vielleicht für Martha das Ausschlaggebende. Denn sie schied schmerzenden Herzens von der Scholle, die ihr so lieb geworden war, als hätte ihre eigene Wiege darauf gestanden. Und sie fürchtete sich vor Berlin.
Helene war mit Wilhelms im Herbst übergesiedelt. Zuerst nur, um bei dem Umzug und bei der Neueinrichtung zu helfen. Dann blieb sie, auf Vaters ausdrücklichen Wunsch. Sie war so still und ohne rechte Frische gewesen in all der letzten Zeit; seit der Nachricht von Harros Tode, hätte man beinahe sagen können. Ein wunderliches Mädel, fand der alte Rittmeister. Ja, ja doch, es war ja sehr traurig. Aber, du mein Gott, der Junge hatte doch einen so herrlichen Tod gehabt, für König und Vaterland. Und ohne Schmerzen, gleich dahin. Daß Lene das so naheging! Das heißt, sie hatte wirklich immer an dem Harro gehangen, fast wie eine Schwester. Aber nun das schmale, blasse Gesichtchen. Nun, sie mußte mal ordentlich heraus. Sollte auch wieder Unterricht nehmen, daß sie auf andere Gedanken käme. Nicht einen Ton hatte sie gesungen seit dem letzten Male in der Kirche, wo Heckstein der toten Sieger gedachte.
Sie wollte nicht nach Berlin. Wollte nicht — wollte auch die alten Eltern nicht allein lassen. Da sprach der Rittmeister ein Machtwort. „Und überhaupt, das heißt, so alt sind wir denn doch noch nicht! Das bißchen Wirtschaften hier! Für immer und ewig brauchst du ja nicht fortzubleiben, und wenn erst die Eisenbahn fertig ist, dann ist das ja nur ein Katzensprung.“