Wilhelm hatte vor dem Halleschen Tor gemietet. In einem ganz neuen Hause, das die spottsüchtigen Berliner „Neu-Amerika“ getauft hatten, weil es so weit draußen lag und weil es so sehr groß war. Ein Riesenkasten, aber schön gelegen. Von der Vorderfront sah man über die Kanalbrücke auf den Belleallianceplatz mit der Rauchschen Viktoria; die andere Front der Wohnung ging nach der breiten Bellealliancestraße hinaus, und jenseits lag das große Rothersche Stift inmitten eines gewaltigen Gartens. So hatte man doch den Blick auf grüne Bäume. Und die Jungens jubelten: fast an jedem Morgen wurden sie durch lustige Militärmusik mit Piefkes Düppelmarsch geweckt, und wenn sie dann ans Fenster stürzten, dann sahen sie unten die langen, bunten Kolonnen, die durch die Bellealliancestraße dem Kreuzberg zuzogen.

Martha lebte sich anfangs sehr schwer ein. Die Wohnung war gewiß für Berliner Verhältnisse recht geräumig, aber sie empfand überall ihre Enge gegenüber dem Rohlbecker Hause; litt überhaupt unter der Enge der großen Stadt nach den langen Jahren des Landlebens, fand sich auch nicht leicht in die veränderten wirtschaftlichen Verhältnisse, hatte für ihre emsigen Hände zu wenig zu tun. Aber sie war doch glücklich, mit ihrem Manne vereint zu sein. Und allmählich gewöhnte sie sich mehr und mehr, hatte ihr kleines Vergnügen an einem Bummel durch die Leipziger Straße, suchte überall nach den billigsten Quellen und kam jedesmal stolz vom Wochenmarkt auf dem Belleallianceplatz zurück; besonders stolz, wenn sie in einem kleinen Preisdisput mit einem der groben Marktweiber glorreich obgesiegt hatte. Allmählich gewann sie Berlin fast lieb.

Auf Helene wirkte dies Berlin ganz anders als vor zwei Jahren. Sie war gleichgültig geworden gegen die große Stadt. Es interessierte sie nichts mehr, es reizte sie nichts mehr: nichts zum Staunen, nichts zur Bewunderung, nichts zum Widerspruch. Und auch die Erinnerungen glitten nun, wenn sie kamen, an ihr ab wie etwas Fremdgewordenes. Mit Ausnahme der einen, um die der Tod frischen Lorbeer gewunden hatte.

Ihr erster Gang hatte der einsamen Insel gegolten. Sie fand die Tante merkwürdig gefaßt. Ganz schmal und durchsichtig zart war das kleine Gesicht unter der Trauerhaube, aber aufrecht und ruhig: „Der Herr hatte ihn mir gegeben, der Herr hat ihn mir genommen,“ sagte sie fast wie Hiob, „der Name des Herrn sei gelobt.“ Es lag etwas Tiefergreifendes in ihrer Ergebenheit. In Helene lebte der Schmerz anders; sie hätte ihn klagend gen Himmel schreien mögen.

In sein kleines Stübchen führte Tante Marianne sie. Da stand und lag noch alles, wie er es verlassen. An dem letzten Tage vor dem Ausmarsch war er noch darin gewesen.

Tante Marianne setzte sich vor seinen Schreibtisch, ließ die Bücher, die auf dem Tisch lagen, langsam durch ihre Hände gleiten, rückte an dem Tintenfaß. Helene hatte sich ein Korbsesselchen herangezogen, stützte den Kopf in beide Hände und weinte. Sprechen konnte sie nicht.

Auch die Tante saß lange schweigend, nun mit gefalteten Händen auf der Schreibmappe.

Dann sagte sie ganz langsam: „Er hat dich sehr lieb gehabt, Helene. Mehr vielleicht, als er sollte. Ich hab das auch erst gemerkt, als du fort warst.“

‚Mehr vielleicht, als er sollte.‘ Helene hörte eigentlich nur das. Konnte man denn einen Menschen mehr liebhaben, als man sollte?

Aber sie durfte ja nicht mit der Mutter rechten. Und Tante Marianne würde auch nimmer verstanden haben, wenn sie ihr von dieser reinen und heißen Jünglingsliebe gesprochen hätte und von dem, was ihr Harro gewesen und geworden war in der Zeit ihrer Not. Vielleicht meinte Tante Marianne auch nur ‚Er hat dich sehr liebgehabt — mehr als mich.‘