Nur eins mußte sie sagen. Und es mochte wohl wie ein Auftrotzen klingen: „Ich hab ihn auch sehr liebgehabt.“ Wie ein Auftrotzen, und war doch großer Schmerz.

Tante Marianne sah auf und senkte den Kopf wieder. Vielleicht hatte sie auch das nicht recht verstanden, daß man jemand liebhaben kann in reinster Freundschaft. Vielleicht lebte auch in ihren Gedanken ihr Harro nur noch als Knabe; vielleicht hatte sie nie ganz begriffen, daß aus dem Knaben ein Jüngling geworden war, mit all der Lust und all dem Leid des Jünglingsherzens.

Sie stiegen wieder herunter und saßen im düsteren Wohnzimmer einander gegenüber.

Die Tante fragte nach Rohlbeck, nach den Eltern, nach Wilhelms. Helene gab Antwort. Und beider Gedanken waren doch nur bei ihm. Er stand für sie drüben an der Tür, er saß für sie in der tiefen Fensternische, er ging draußen vorüber unter den blühenden Kastanien.

Plötzlich sagte Tante Marianne, und nun klang doch der ganze Schmerz des Mutterherzens durch all ihre Ergebung hindurch: „Warum mußte er Soldat werden! Ich wollte es nicht. Fast auf den Knien hab ich ihn gebeten —“

Und wieder saß Helene wortlos. Was sollte sie sagen? Auch das würde Tante Marianne nicht verstehen: daß der Tod auf dem Schlachtfelde der schönste Tod ist und daß mit Harro Hunderte und aber Hunderte, arm und reich, hoch und gering, in den Tod gegangen waren — mit Gott, für König und Vaterland.

Mit Gott! Den Kopf hätte Tante Marianne geschüttelt: ‚Du sollst nicht töten!‘

Und dabei fühlte sie, wie wieder der fragende, vorwurfsvolle Blick auf ihr ruhte. Fast als ob er zu ihr spräche: Du bist schuld daran, daß er so früh eintrat! Daß er ein Mann sein wollte, wo er noch ein Knabe war!

Es fröstelte sie in dem düsteren Zimmer.

Schwer stand sie auf. Küßte der Tante die Hand. „Ich muß nun wohl gehen —“