Tante Marianne blieb auf dem steiflehnigen Sofa sitzen, sagte nur müde: „Grüße Wilhelm und Martha.“

Aber dann plötzlich, als Helene schon an der Tür war, kam die Tante hinter ihr drein, umschlang sie mit beiden Armen, drückte sie an sich und rief unter Schluchzen: „Er hat dich so liebgehabt. Er hat dich ja so liebgehabt!“

Und da weinten sie beide, Wange an Wange. Weinten um den, der in ihren Herzen nie sterben würde: um den Knaben, um den Jüngling, um den jungen Helden, der mit einem Lächeln in den Tod gegangen war.

Seitdem ging Helene häufig nach der einsamen Insel. Mehr und mehr lernte sie Tante Marianne verstehen und schätzen. Auch lieben. Aber diese Liebe rankte sich doch fast nur um die Erinnerung an Harro. Bei allem Verstehen und aller Verehrung, auch in aller Zuneigung blieb etwas Fremdes. Und manchmal dachte Helene: ‚Es ist nicht anders wie in deinem Verhältnis zu Martha. Wir haben uns gefunden, und sind doch nicht ganz eins geworden.‘

Bisweilen, wenn sie von der einsamen Insel kam, ging sie auch an der kleinen Konditorei in der Bendlerstraße vorüber. Einmal stand sogar das alte Kuchenfräulein vor der Tür und sah in den lachenden Frühling hinaus, knixte und machte große Augen. Da grüßte Helene mit einem leichten Kopfneigen und lächelte, indem sie weiterschritt. Wirklich, sie konnte lächeln. Wunderte sich selber darüber, wie fern ihr nun diese Episode lag, und daß sie ihr aus einem großen Erleben zu einer Episode hatte werden können. Aber sie wußte auch: die emsige Arbeit und ihre Kunst hatten das erste und vielleicht das Beste an ihr getan, und doch nicht alles; es mußte die Zeit helfen, sie das Überwinden zu lehren, und es mußte Harros Tod kommen, um das Überwinden zur Tat werden zu lassen. Wie denn der eine Schmerz so oft den andern löst.

Monat auf Monat war verstrichen, und der Sommer stand schon vor der Tür, da raffte sich Helene endlich auch zu dem Besuch bei Frau Harriers-Wippern auf. Immer wieder hatte sie ihn hinausgeschoben. Nun drängten Vaters Briefe; es drängte auch das eigene Gewissen. Denn sie wußte, Mitte Juni ging die Sängerin meist in die Ferien.

Das Herz klopfte ihr doch, als sie die teppichbelegten Stufen zur Wohnung hinaufstieg und die Klingel zog. Sie fühlte sich schuldbewußt der gütigen Meisterin, schuldbewußt auch ihrer eigenen Kunst gegenüber. Die Worte klangen in ihr auf, die die Lehrerin nach der ersten Prüfung gesprochen hatte: von der Heiligkeit der Gabe, die ihr verliehen, und wie man sie hegen und pflegen müsse. Sie aber kam ja eigentlich auch jetzt nicht, um sich in ganzer Hingebung wieder der Kunst zu widmen. Fast gezwungen kam sie, unlustig, wie sie in all diesen Wochen gewesen war.

Sie mußte ein wenig warten. Es war alles wie früher. Unter den großen Blattgewächsen saß sie im Salon, die wohlbekannten Bilder blickten von den Wänden auf sie herab. Aus dem Zimmer nebenan klangen halblaute Worte, dann einzelne Töne, eine Halbkadenz, ein paar Anschläge auf dem Flügel. Wie sie das alles kannte! Frau Harriers sang mit halblauter Stimme. Glockenhell aber. Nun die Schülerin. Hilf Himmel — meine arme Lehrerin! Solch eine Stümperei! Wie gequält, wie mühsam — schlecht, einfach schlecht. Was sollte das sein? Heiliger Mozart, wie man sich so an dir versündigen kann! Wenn das unser alter, guter Kantor hören müßte —

Seit Wochen, seit zwei Monaten hatte Helene nicht gesungen, keine Musik gehört. Nun, ganz plötzlich, regte es sich wieder in ihr. Waren es Erinnerungen, war’s die Atmosphäre dieses Hauses, waren es die Töne, die, gedämpft durch Tür und Vorhang, zu ihr drangen? Das Blut wallte. Sie sprang auf, hastete ein paar Male durch das Zimmer, blieb wieder stehen, horchte, lauschte.

Dann ging die Tür. Ein schmächtiges junges Ding, elegant, im lichten Sommerkleid mit ungeheuerlichen Pagodeärmeln, huschte vorüber. Aber gleich hinter ihr trat Frau Harriers-Wippern in den Salon. Blieb an der Schwelle stehen, schlug die Hände zusammen: „Fräulein von Hackentin!“ — kam dann auf Helene zu, faßte sie um den Gürtel: „Sind Sie’s, oder ist’s Ihr Geist?“ — lachte ihr altes, helles Lachen: „Nein, ich fühl’s, sie ist es selber, die Ungetreue, Ungetreueste! Die einzige Ungetreue, der ich je nachtrauerte! Helene Hackentin! Wie ich mich freue! Wie ich mich freue!“