Es stand ihr auf dem schönen Gesicht geschrieben, daß sie sich wirklich freute. Das war nicht mehr die ernste, gemessene Lehrerin, als die Helene sie kannte; fast übermütig war sie: „Da muß man sich nun mit solch einer Demoiselle Stern quälen, die keine Stimme hat, kein Talent, nicht einmal Gehör, nichts, nichts, als einen reichen Vater, muß sich quälen und ärgern und läßt eine Helene Hackentin warten! Warum haben Sie’s mich nicht wissen lassen, daß Sie’s sind — hinausgeworfen hätt’ ich das Modepüppchen aus dem Tempel! Aber nun lassen Sie sich mal ordentlich anschauen —“

Dann wurde sie doch ernst, las wohl in Helenens Zügen das Leid. Sie schob die Hand vertraulich unter ihren Arm: „Kommen Sie fort aus dieser kalten Pracht. Ich hab hinten, nach den Gärten hinaus, ein Privatzimmerchen, in dem wir gemütlicher plaudern können.“

So saßen sie denn in dem kleinen Raum, in den die grünen Baumwipfel hineinwinkten und durch dessen weitgeöffnetes Fenster die laue Sommerluft wehte. Saßen nebeneinander auf der winzigen Couchette wie zwei gute Freundinnen. Doch das Plaudern wollte nicht recht gelingen. Luise Harriers mochte nicht fragen, und Helene Hackentin waren die Lippen geschlossen. Auch in ihr war herzliche Freude über den Empfang. Aber sie konnte doch nicht sprechen über das, was sie erlebt hatte, von dem sie zu niemand gesprochen hatte, außer in den Stunden ihrer größten Herzensangst zu Martha. Nur Harros Tod berührte sie kurz. Und dann war da noch etwas, was ihr die Lippen schloß. Frau Harriers hatte gleich anfangs gesagt, leichthin: „Sie waren ja wohl mit Alfred Schwarz bekannt? Wissen Sie, daß er sich im Winter mit der Theresa Carena verheiratet hat?“

Es schmerzte ja nicht —

Schmerzte es wirklich nicht? Ein dumpfes Wehgefühl hob es aus, eine jähe Leere, als ob das Blut stockte im Kreislauf, auf einen Augenblick im Herzen stehen blieb, nicht mehr zum Gehirn emporsteigen wollte. Auf einen Augenblick nur. Dann konnte Helene ruhig entgegnen: „Ich wußte nichts davon.“

„Er war wieder in Petersburg. Wie ich neulich hörte, soll er jetzt in Paris leben. Er ist ja immer einer von den unsteten Kollegen gewesen, die nirgendwo festen Fuß fassen können oder wollen.“

Helene saß still, mit geneigtem Kopf. Sie mußte doch nachsinnen: ja, ein Unsteter, der nirgend festen Fuß fassen kann. Auch nicht will. Therese Carena? Noch nie hatte sie den Namen gehört. Fragen mochte sie nicht. Es war ja auch gleichgültig. Nur — nur — ob er wohl glücklich war?

Die Unterhaltung versiegte.

Bis dann Frau Harriers, frisch zugreifend, fragte: „Aber Sie, Fräulein von Hackentin? Ich kann doch nicht länger damit hinter dem Berge halten: was macht die Kunst?“

Da raffte sich Helene auf.