Stockend, ein wenig verlegen begann sie. Mit der kleinen Münze der Erklärungen, Entschuldigungen, die sie sich vorher zurechtgelegt hatte.
„War denn alles still in Ihnen? Ich kann’s nicht glauben. Wem ein Gott Gaben lieh, wie Ihnen, dem ist Musik ja der Wundertröster in der Not, die helle Sonne im Glück.“
„Sie war mir beides, Sonne und Trost. Dann ist eine Zeit gekommen, in der nichts mehr in mir klang.“
„Das sind Unglücksstunden, armes Kind, über die der Wille hinwegtragen muß. Wer hätte solche Stunden, Tage, Wochen nicht? Ich kenne sie auch. Doch dann modle ich mir den Goethevers auf meine Art um. ‚Gebt ihr euch einmal für Poeten, so kommandiert die Poesie!‘ Das heißt — ich singe. Ich singe mich frei. Aber nun lassen Sie einmal hören, was haben Sie getrieben, was haben Sie studiert, ehe diese bösen Stunden kamen.“
Da berichtete denn Helene. Zagend erst, lebhafter dann. Das Wachwerden, das vorhin im Salon über sie gekommen war, ganz jäh und unerwartet, kam ihr in den Sinn. Sie erzählte von ihrem vergeblichen Gang ins Kantorhaus, wie der alte Flehr über die Elsa-Partie den grauen Kopf geschüttelt hatte. Frau Harriers fand das entzückend: der Kantor, die lange Pfeife im Munde, auf seinem Spinett sich abmühend über die Wagnerschen Noten, zu Zerlinens Lied übergehend, die blauen Augen verzückt gen Himmel gerichtet: „Das ist doch noch Musik!“
„Den Braven möcht ich kennen lernen. Aber Ihnen möchte ich helfen, Fräulein Helene! Doppelt helfen — Sie verstehen mich schon. Ich bleibe zum Glück noch ein paar Wochen hier und hab wenig zu tun. Von morgen an kommen Sie zu mir. Wir studieren die Elsa. Hier meine Hand — schlagen Sie ein!“
Vielleicht war es zuerst ein wenig Zwang. Blieb noch eine Weile Selbstzucht. Aber dann wachte die Freude wieder auf in dem starken Streben, im Ringen und im Gelingen. Denn es war ein Ringen und es war ein Gelingen an der neuen großen Aufgabe. Langsam nur, aber stetig ging es bergauf. Eins kam zum andern. Zu den Stunden bei Frau Harriers kam italienischer Unterricht bei Signora Marchesi, der kleinen, quirligen Toskanerin, die für die neue Freiheit ihres Vaterlandes schwärmte und die Namen Vittore Emanuele und Cavour in jeden dritten Satz einzuflechten suchte; die die Österreicher so wundervoll haßte, über den Heiligen Vater so köstlich lächelte, die Priester ihrer Kirche ironisierte, aber jeden Morgen zur Messe nach der Hedwigskirche ging.
Tötend langsam waren die ersten Wochen in Berlin hingeflossen, nun flogen die Tage.
Ein herrlicher Frühsommer war es, fruchtbar und reich. Vater schrieb immer wieder, wie prächtig die Ernteaussichten, „das heißt, mehr Regen könnten wir brauchen. Für unseren märkischen Sand ist bis Johanni jeder Regenschauer ein Säckchen Dukaten wert.“ Wenn solch ein Brief, meist an sie gerichtet, kam, so faßte Martha immer die Sehnsucht nach Rohlbeck, nach grüner Wiese, nach duftendem Flieder, nach einem Kirschbaum im Blütenschnee. Ganz plötzlich sagte sie dann bei Tisch: „Jungens, wann kommt ihr heut aus der Schule zurück? Um halb fünf. Gut — wir müssen ins Freie. Du auch, Lene.“ Und sie packte ein Körbchen mit Butterbroten und zog mit ihnen hinaus, die Bellealliancestraße hinauf zum Kreuzberg, und lagerte sich mit ihrer Schar irgendwo in der kleinen Wildnis um das ragende Denkmal; oder es ging noch weiter hinaus auf der Chaussee, quer über den riesigen, sonnigen Exerzierplatz bis nach Tempelhof, in den schattigen Garten von Kreideweiß. Manchmal, selten, hatte auch Wilhelm ein Gelüste nach etwas Familiensimpelei. Dann schlug er aber eine etwas höhere Nüance an. Er lud die Seinen — „Jungens, wascht euch die Pfoten!“ — zu Kaffee und Stippe bei Mielenz an der Potsdamer Brücke ein, wo der elegante Spießer auf schön getürmten Terrassen saß, oder führte sie gar am Abend nach dem „Albrechtshof“ oder nach „Moritzhof“ am Tiergarten. Das war ein besonderer Jubeltag für die Söhne. Denn erstens bekam jeder ein richtiges Seidel bayerisches Bier und eine Schinkenstulle, und dann konzertierte der alte Generalmusikdirektor Wiepprecht dort. Am Schluß stieg der jedesmal auf einen Tisch und dirigierte ein grandioses Schlachtenfurioso mit großem Trommel- und Paukengetöse. Die Jungens und auch Martha fanden das über alle Beschreibung schön. Helene freilich hielt sich lachend die Ohren zu.
Einmal, im Juni, kam Bruder Fritz angereist und logierte bei Wilhelms. Der „rote Kreisrichter“ war ein wenig bedrückt. Der Zwist mit dem Vater lag ihm auf dem guten Herzen, er fühlte sich auch mehr und mehr isoliert in Stellberg, und dann hatte er dienstlich Unannehmlichkeiten. Der neue Justizminister Graf Lippe zog schärfere Saiten gegen die fortschrittlich gesinnten Beamten auf. Es gab gleich am ersten Vormittag eine lange Beratung zwischen den Brüdern, ohne daß viel dabei herauskam. Denn Wilhelm sprach als ein Mann der Kompromisse emsig zum Guten, fürchtete auch persönlich Unbequemlichkeiten für seine geschäftlichen Beziehungen. Fritz aber redete sich schnell wieder in seine „Überzeugungstreue“ hinein, wollte lieber gemaßregelt sein, als nachgeben. Schließlich brach in beiden die Hackentinsche Art durch, sie lagen sich, nach scharfen Worten, versöhnt in den Armen und schwatzten davon, wie man sich am besten in Berlin amüsieren könnte.