„Ohne daß es viel kostet —“ meinte der Stellberger, aber Wilhelm erklärte: „Ach was! Man sieht sich so selten. Ich lade dich zu Hiller ein. Die Weiber kommen auch mit. Und am Abend gehen wir zu Kroll. Martha, Lene — macht euch so schön, als es möglich ist. Ehre wollen wir mit euch einlegen.“

Er konnte zufrieden sein, und er schmunzelte auch, als der kleine Karl Hiller, der frühere Oberkellner von Ewest, der erst vor kurzem das eigene Geschäft Unter den Linden eröffnet hatte, ihn zu dem reservierten Tisch geführt hatte: Martha und Helene sahen vorzüglich aus. Martha in ihrer schlichten Frauenhaftigkeit, die Schwester rassig, eigenartig — „Donnerwetter, Mädel, als ob du alles Lackzeug frisch gestrichen hättest.“ Rosigster Stimmung war er: er hatte gleich gemerkt, wie sich in dem trotz des Sommers überfüllten Lokal, das rasch in Mode gekommen war, alle Augen auf die schönen Frauenerscheinungen richteten. Auch mit den Toiletten war er zufrieden: etwas übertrieben einfach, aber sie kamen mit, die beiden. Wirklich, sie kamen mit, fand er. Besonders Helene in ihrem Batistkleidchen mit der rosa Tunika über dem Rock. Zum Erstaunen! Das Mädel wußte aus nichts etwas zu machen. Und dann ihr wundervolles Haar, vorn in leichten Wellen gescheitelt, im Nacken der neumodische Chignon, der die rostbraune Flut kaum bändigen konnte.

Rosigster Stimmung war er. An jedem dritten Tisch im Saal hatte er Bekannte, grüßte, nickte, winkte, nannte für die Seinen die Namen: „Da der Prinz von Schwarzburg! ... Graf Dönhoff ... drüben der große Theateragent Röder mit seiner schönen Tochter Mila ... in der Ecke sitzt Strousberg ... siehst du ihn, den kleinen Juden ... und da sitzt der Oberstleutnant Prinz Hohenlohe, Flügeladjutant des Königs ... Du, Martha, da kannst du auch die göttliche Anna Schramm sehen mit dem Rittmeister von Brescius ... und am Nebentisch der schmächtige Zietenhusar, das ist Graf Haeseler ...“

Er grüßte, winkte, bestellte seine Lieblingsmarke, Ruinart, spöttelte mit dem Bruder, der ein wenig steifleinen zwischen Schwester und Schwägerin saß, aß wie ein Gourmet, schlürfte den Champagner mit Kennermiene: „Aber die nächste Bouteille, mein lieber Hiller, etwas kälter.“

Helene war zuerst ein wenig befangen. Dann taute auch sie auf, plauderte drauflos, neckte Martha, die, wie sie behauptete, neuerdings eine kleine Passion für die Berliner Weiße hätte und die Berliner Schrippe und frische Blut- und Leberwurst; die überhaupt auf dem besten Wege wäre, richtig zu verberlinern. Dann saß sie wieder ein Weilchen stumm, dachte reuig: ‚Was bist du doch für ein Weltkind!‘ trank hastig ein Spitzglas Champagner, lachte sich über die veränderte Stimmung fort: ‚Gott, man ist doch nur einmal jung!‘ — fühlte, wie diese Atmosphäre von Luxus und Wohlleben ihr wohltat, diese Spiegelwände, die weichen, roten Teppiche, der glänzend weiße Damast, die Kristallschalen, das diskrete Plaudern und Lachen, der leise, leichte Duft von Parfüm, Speisen, Zigarrenrauch.

Plötzlich rief Wilhelm: „Merivaux ... suchen Sie einen Platz? Kommen Sie hierher. Wir rücken ein wenig zusammen.“

Da erst sah Helene den Gardeschützen, der mitten im Saal stand, mit dem Oberkellner unterhandelte. Jetzt stutzte er, zögerte einen Augenblick, trat dann an den Tisch heran. „Bonjour, mes dames et messieurs! Sehr freundlich, Herr von ’ackentin. Wenn Sie erlauben —“

Er sprach noch immer mit leichtem Akzent, kämpfte noch immer ein wenig mit dem H, mischte noch immer dann und wann einen französischen Brocken ein. Aber zugelernt hatte er entschieden „in die swere Sprack“ während der zwei Jahre. Wahrhaftig, länger als zwei Jahre hatte Helene den Neuchateller nicht gesehen! Und indem sie das mit leisem Staunen konstatierte, glitt durch ihre Erinnerung doch auch jener Spaziergang, im Rackower Park, die Begegnung mit Alfred Schwarz, ihr Gesang im Salon von Tante Marie —

Merivaux widmete sich zuerst fast ausschließlich Martha, sprach mit den Herren, erzählte, daß er im Winter vierundsechzig — „da wir ja leider nicht mobil wurden“ — auf einige Wochen in der Heimat gewesen wäre: „Schlechte Zeiten für meine Eltern, für unseren ganzen Adel.“ Die Demokraten obenauf, die Royalisten ganz, ganz unten; und allmählich werde auch so mancher von den Guten untreu. Im Vaterhause aber erhebe der alte Herr immer noch sein Glas, gefüllt mit blutrotem Cortaillard: „Vive le roi!“ Und am 22. März hätte auch diesmal die schwarzweiße Hohenzollernfahne über Schloß Merivaux geflattert.

Helene hörte gerne zu, wie er so sprach. Ein romantischer Zug klang daraus, der Widerklang in ihr fand. Dies treue Ausharren auf verlorenem Posten, dieser trotzige Sinn der alten Royalisten im fernen Lande: das war wirklich einmal etwas Eigenes in der Alltäglichkeit des Lebens. Es lag fast greifbar deutlich vor ihr; das altersgraue Schloß mit dem dräuenden Turm und der Zollernflagge, und tief unten der blaue Neuchateller See, wie Merivaux ihn einst ihr geschildert, von grünen Wiesenhalden umkränzt und blütenreichen Hängen, die schneebedeckten Alpenhäupter im Hintergrunde.