Einmal mußte sie unwillkürlich zu Merivaux hinübersehen. Und da begegneten sich ihre Augen. Sie wunderte sich: es war etwas Träumerisches in seinem Blick — etwas Fremdes — und doch wieder etwas seltsam Vertrautes.

Dann wandte er sich gleich an seinen Tischnachbar. Das Gespräch ging weiter. Fritz konnte sich eine etwas unpassende Bemerkung nicht versagen, daß Neuchatel doch eben nur seinen natürlichen Anschluß an die anderen Schweizer Kantone gefunden hätte, wurde aber von Merivaux ziemlich scharf zurückgewiesen. Dann, um weiterer Peinlichkeit zu entgehen, fragte Wilhelm recht unvermittelt nach dem neuen Modell der Jägerbüchse, das die Gardeschützen führten. Und Merivaux sang das Lob der Zündnadel — „sie schösse töter als tot“. Er war zur Abnahme in Sömmerda kommandiert gewesen und hatte den alten Dreyse kennen gelernt, den der König kürzlich geadelt, der aber noch immer wie ein richtiger Schlossermeister von Werkstatt zu Werkstatt ginge, um allenthalben nach dem Rechten zu sehen. Wilhelm erzählte dagegen wieder von dem alten Krupp in Essen und den gezogenen Gußstahlgeschützen und was sich die Herren von der Bombe davon versprächen. Wozu der rote Landrichter gähnte. Eigentlich ärgerte sich Helene über Bruder Fritz: der hatte doch auch einmal des Königs Rock getragen, und nun war ihm das gleichgültig, was selbst sie und Martha interessierte: wie „da oben“ bei Lundby die Zündnadel die erste Ernstprobe auf ihre Brauchbarkeit abgelegt hätte.

Endlich brach man auf. Merivaux ging mit hinaus zu Kroll.

Es dämmerte schon leicht, und der Krollsche Garten glänzte in seiner neuen feenhaften Beleuchtung durch Zehntausende von bunten Gasflämmchen, die alle Rabatten und Bosketts umsäumten, überall aus den grünen Büschen herausschimmerten, von hohen Kandelabern herunterstrahlten. „Etwas Ähnliches gibt es nur noch in Paris, in den Champs Elysées“, behauptete Wilhelm. „Aber was die Pariser nicht haben, ist unser Engel.“ Dieser Engel stand vor seinem Orchester, ein kleines altes Männchen mit kohlschwarzer Perücke, dirigierte ‚mit die Hände und die Füß’‘ und hatte dabei noch Zeit, jede vorüberwandelnde hübsche Frauengestalt mit verliebten Blicken zu verfolgen. An hübschen Frauen aber fehlte es im Krollschen Etablissement nie. Und außer Herrn Engel, fand Helene, gab es recht viele Herren hier, die unverschämte Augen machten.

Man promenierte langsam zwischen den Beeten auf und ab, die so wunderlich von bunten Blechblumen, mit Gasflämmchen in den Kelchen, eingefaßt waren. Und da schob sich Merivaux neben Helene.

Er fragte nach ihrem Gesang, und sie gab ein wenig spitz zurück: „Ich hätte gar nicht geglaubt, daß Sie dafür Interesse haben ...“

„Dann irrten Sie, gnädiges Fräulein“, meinte er.

Sie behielt noch immer ihren etwas ironischen Ton bei: „Also muß ich mich bedanken, daß Sie sich so gütig für mein bißchen Kunst interessieren?“

„O nein — warum bedanken?“ Er blieb ganz ruhig. „Aber ich darf gewiß sagen, daß ich sehr, sehr oft daran dachte, wie schön Sie in Rackow sangen. Ich ’ab es nicht vergessen: ‚... auf der Welle blinken — tausend schwebende Sterne ...‘ Vielleicht glauben Sie es mir nicht: ich liebe die Musik überhaupt sehr.“

Es klang ihr so naiv, so furchtbar naiv. Sie mußte lächeln, und das sah gewiß wieder ein wenig überlegen, ein wenig spöttisch aus.