Aber Onkel Ernst warf nur einen flüchtigen Blick auf sie. Nun er dicht heran war, sahen sie sein erschrockenes Gesicht.

Er keuchte noch immer. Mühsam nur brachte er es heraus: „Erschrick nicht, Helene ... wo hast du denn den Brief, Höhne ... Helene, liebes Kind — der alte Rittmeister — dein guter Vater — ist plötzlich schwer — sehr schwer erkrankt —“

Nach Onkel Ernsts Hand griff Helene, griff dann nach dem Brief. Höhne hob die Blendlaterne hoch, leuchtete —

Der kleine Bogen flatterte auf den Kies.

Einmal, ein einziges Mal schluchzte Helene auf und sank in Merivaux’ Arme.

Zehntes Kapitel

Als Helene nach Rohlbeck kam, war Vater bereits seit zwei Stunden verschieden. Ohne schweren Todeskampf war der alte Rittmeister hinübergegangen zu den ewigen Heerscharen. Martha führte die Schwägerin zu ihm. Er lag wie ein Schlafender auf seinem schmalen Bett. Auf dem Nachttisch standen zwei Lichter. Das Fenster des Sterbezimmers war geöffnet, nach altem märkischem Brauch. Die Kerzenflammen flackerten leicht in der Zugluft, und der wechselnde Reflex gab dem stillen Greisengesicht dann und wann den Schein des Lebens.

Helene warf sich am Bett auf die Knie, griff nach Vaters Hand, schrie auf, drückte den Kopf neben Vaters Haupt in das Kissen, schluchzte und weinte. Sie wollte nicht glauben, daß Vater tot wäre. Sie konnte überhaupt keinen Gedanken fassen. Zum erstenmal in ihrem Leben stand das große ewige Rätsel des Vergehens vor ihr, und ihr war’s, als müßten ihr Schmerz und ihr Flehen den Vater erwecken können, als müßte Gott sich erbarmen und ein Wunder tun.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte sie auch dann, als Martha sie mit sanfter Gewalt emporhob, als der alte Heckstein kam und, selber mit tränenden Augen, tief ergriffen, ihr milden Trost zuzusprechen suchte.

Nicht fassen und nicht begreifen konnte ihre leidenschaftliche Seele, daß es einen Trost geben sollte für solchen Schmerz. Nicht fassen und nicht begreifen auch, wie ruhig und still die anderen waren. Mutter sogar. Die saß zwar am Fußende des Bettes, weinte dann und wann leise vor sich hin, aber sie fand doch Worte. Worte! Fragte, ob Wilhelm und Fritz benachrichtigt wären, ob das Läuten schon bestellt sei. Und Martha schaltete und waltete, dachte an alles, wollte Helene gar nachher drüben an den Kaffeetisch zwingen. Gott im Himmel! Hatten sie alle denn Vater so wenig lieb gehabt?