Die Jungens standen scheu, verstört, mit roten Augen. Sie riß sie an sich — die mußten doch mit ihr fühlen! Ja, die Tränen saßen ihnen locker. Aber nachher schlichen sie auf den Zehenspitzen zu ihren Kaffeetassen. Und drüben lag Vater, Großvater, der sie so sehr geliebt hatte!
„Martha! Martha, wie ist es denn nur möglich! Wie ist’s denn nur gekommen?“
„Du mußt ruhiger sein, Lene. Ehre Gottes Willen! Er hat unserem lieben Vater doch ein so langes Leben und einen so sanften Tod geschenkt!“
„Vater war so rüstig! Vater hätte noch zehn, zwanzig Jahre leben können. Martha, wie ist es gekommen?“
Da sagte es Martha.
Vater war ganz munter gewesen, hatte noch mit beiden Jungens selber die Posttasche geholt. Dann hatten sie um den runden Tisch gesessen, Vater bei der Zeitung —
Martha stockte ein wenig. Aber es war nur wie ein zögerndes Atemholen. „Vater hat sich vielleicht über etwas in der Zeitung geärgert, hat auch geschimpft. Aber dann ist er aufgestanden und ist auf und ab gegangen — du weißt ja, wie alle Tage. Mutter hatte die Familiennachrichten vor sich. Ich häkelte. Siehst du — und da kommt Vater mit einem Male zu Mamachen, beugt sich ein wenig über sie und sagt: ‚Ich weiß nicht, Elisabeth, ich weiß nicht, mir ist so komisch, das heißt —‘ und da fällt er auch schon vornüber. Grad, daß ich ihn noch auffangen konnte. Wir haben ihn gleich zu Bett gebracht. Der Hans ist zum Pastor gelaufen. Vater hat noch ein paar undeutliche Worte gesprochen, lag dann still. Da schrieb ich schnell an dich und hab an Wilhelm depeschiert und einen reitenden Boten nach Stellberg geschickt zu Fritz und zum Doktor —“
„Ja — ja — du hast an alles gedacht!“
„Das mußte ich doch, Helene. Wer sollte es denn sonst? Und dann ist Papa sanft hinübergeschlafen. Ich war zuletzt allein bei ihm und hab ihm die Lider zugedrückt.“
Helene hatte keine Träne mehr. Heiß brannten ihre Augen, aber der Tränenquell war versiegt. Sie starrte vor sich hin. Ja, sie waren alle so ruhig, waren alle so überlegt, so gefaßt. Als ob nur gerade ein Licht ausgelöscht wäre. Als ob nicht eine Lücke gerissen wäre in ihrer aller Leben, die sich nie, nie wieder füllen konnte. Nie — nie — nie —