In den nächsten Tagen, bis zur Beerdigung, ging sie umher wie eine Träumende. Und nur wie durch einen Schleier sah sie alles, was um sie her geschah.

Die Brüder kamen, standen mit gefalteten Händen an Vaters Bahre, hatten Tränen in den Augen, sprachen leise und gedämpft, saßen beieinander, küßten Mutter, beredeten allerlei mit Martha und Heckstein und Flehr. Martha brachte ein Trauerkleid: „Helene, du mußt verständig sein. Man darf sich auch dem tiefsten Schmerz nicht so leidenschaftlich hingeben.“

Onkel Ernst kam und mit ihm Merivaux. Er drückte ihr die Hände, sprach sanft und lieb, wollte sie küssen. Sie schrak zusammen und entwand sich ihm. Sah ihn an fast wie einen Fremden, neigte dann den Kopf, ließ es sich gefallen, daß er ihre Hände hielt —

Sie sah einen Wagen vorfahren, sah, wie der schwarze, florbespannte Sarg heruntergehoben wurde, und lief hinauf in ihr Zimmerchen, lief in dem hin und her, von einer Wand zur anderen, wohl eine Stunde lang.

So fand sie Wilhelm. Er fragte, ob sie denn Vater nicht noch einmal sehen wollte, ehe der Sarg geschlossen würde.

‚... ehe der Sarg geschlossen wird ...‘, klang es in ihr nach. Schrill und schneidend. Aber sie nickte, und da nahm sie der Bruder unter den Arm, stützte sie, sagte auch wie Martha: „Helene, du mußt verständig sein. Wir trauern doch alle um unseren guten Papa. Aber das Leben fordert seine Rechte. Man muß darüber hinfortzukommen suchen, und wenn es noch so schwer ist.“

Sie nickte wieder, aber verstanden hatte sie kaum, was Wilhelm sagte.

Dann, als sie draußen an der Treppe standen, begann er noch einmal, leise: „Sei gut zu Fritz. Der trägt’s am schwersten.“

Verständnislos sah sie ihn an, bewegte die Lippen. Er mochte es für eine Frage nehmen.

„Nun — er muß doch denken, daß Vater sich so aufgeregt hat, weil er sich bei der Ersatzwahl für den Kreis als fortschrittlicher Kandidat hat aufstellen lassen. Das hat Vater zuletzt in der Zeitung gelesen. Sei gut zu dem armen Fritz —“