Sie hauchte ein Ja, aber recht verstanden hatte sie das auch nicht. Vater! Vater! Sie haben ja alle nichts als Worte.
Und dann stand sie am offenen Sarge. Wie versteint zuerst. Sah auf das stille Greisengesicht, das ganz klein geworden schien, sah auf die weißen Locken, sah auf die wachsweißen Hände, zwischen die Martha ein Kreuzchen und einen kleinen Strauß blauer Vergißmeinnicht gelegt hatte.
Sah dann langsam im Kreise herum, auf die Ihren, die um den Sarg standen. Und sie sah zum ersten Male in all den Gesichtern den heiligen Ernst und den tiefen Schmerz, erkannte zum erstenmal, daß sie alle von der selben Trauer erfüllt waren, wie sie.
Ganz sacht ging sie zur Mutter hinüber, legte den Arm um ihre Schulter, küßte ihre Stirn. Trat an den Sarg — und da endlich kamen die Tränen. Sie lösten sich sanft, und sie konnte leise ein stilles Gebet sprechen.
Auch Heckstein stand am Sarge seines alten Freundes.
Als sie hinausgingen, lag Diana vor der Tür und winselte. Der Pfarrer beugte sich und klopfte dem Tier leise auf den Kopf, fast zärtlich: „Da reden die klugen dummen Menschen von der unverständigen Kreatur“, meinte er wehmütig und streichelte den Hund. „Kusch, Diana. Er hat dich auch lieb gehabt.“
Dann schob er seine Hand unter Helenes Arm: „Komm, Kind, wir wollen einmal durch den Garten gehen.“
Schweigend gingen sie bis zu den großen Kastanien, unter deren Schatten er mit dem alten Rittmeister so oft gewandelt war. Da bog er ein, drückte Helenes Arm: „Kind, sie haben mir erzählt, daß du wie von Sinnen bist. Das ist nicht recht von dir. Sieh mal, ich will dir nicht mit billigen Trostworten kommen und auch nicht mit Vorwürfen. Aber ich hab dich getauft und konfirmiert, da hab ich schon ein Recht, mit dir ein paar ernste Worte zu sprechen. Die Juden stellten Klageweiber an und zerrissen ihr Gewand und streuten Asche auf ihre Häupter. Wir Christen müssen und sollen den Tod anders anschauen. Er darf keinen Schrecken für uns haben. Uns ist er ja nichts als der Übergang aus der Weltlichkeit in die Ewigkeit. Und was könnten wir Schöneres wissen von einem geliebten Toten, denn: ihm ist wohl.“
Sie schritt neben ihm, mit tief gesenktem Kopf.
„Ich kenne dich ja, Helene“, sprach er weiter. „So warst du von klein auf: immer kochte es bei dir über, in der Freude und im Schmerz. Das Leben aber fordert ein Maßhalten. Du mußt dich beherrschen, auch grade jetzt. Denk’ nur daran, Kind, daß dein guter Vater nun nicht mehr ist. Denk’ mehr daran, wie lieb er dich gehabt hat. Ich kann’s dir sagen: du warst sein besonderer Liebling. Noch in den letzten Tagen hat er mit mir so manches über dich gesprochen, in Zärtlichkeit und auch in Sorgen. Aber die Sorgen hab ich ihm ausgeredet, und dann leuchteten seine schönen blauen Augen: ‚Mein Spätling!‘ sagte er.“