Ihre Hand bebte auf seinem Arm. „Onkel Pastor“, sagte sie ganz leise. „Ich hab Vater ja so sehr, so sehr liebgehabt. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr. Aber nun quält mich der Vorwurf: ich bin nicht gut genug gegen ihn gewesen, ich bin nicht dankbar genug gewesen, ich — ich hab auch nicht das volle rechte Vertrauen zu ihm gehabt.“

„Kind, so mußt du nicht denken. Denk’ nur daran, daß du ihn liebgehabt hast. Das ist genug und ist alles. Das andere: liebes Kind, es ist wohl aller Eltern Los, daß ihnen ihre Liebe nie ganz vergolten wird. Ein Kind kann vielleicht Elternliebe und Elternsorgen nicht ganz vergelten, denn beide sind zu groß und zu unendlich. Aber danach fragen Elternherzen gar nicht. Die wollen nur wissen und fühlen, daß die Kinder sie liebhaben und gut tun in ihrem Sinn.“

Wieder sagte sie: „Ich hätte doch mehr Vertrauen zu Vater haben sollen.“

„Wenn Kinder groß werden, Helene, so gehen sie ihre eigenen Wege. Das ist nicht anders in der Welt und so vom lieben Gott gefügt. Es ist nicht nötig, daß sie dann jedesmal zu den Eltern kommen und fragen: bin ich auf dem rechten Pfad. Die Hauptsache ist, daß es vor ihrem eigenen Gewissen der rechte Weg ist.“

Schweigend gingen sie ein Stück weiter, wandten sich und schritten langsam zurück. Da begann Heckstein wieder: „Der Rackower war gestern bei mir, Helene. Deinetwegen. Du weißt schon, weshalb?“

„Ja, Onkel Pastor“, gab sie leise zurück.

„Es ist jetzt eigentlich nicht die Stunde, um dir Glück zu wünschen, mein Töchterchen. Aber ich denke, ich kann’s doch. Gerade in Vaters Sinn, denn er hat sich nichts sehnlicher für dich ersehnt, als einen guten braven Mann. Daß er’s erlebt hätte! Du hast ihn gewiß sehr lieb, deinen Neuchateller!“

Da blieb Helene stehen. Sie sah zu Boden. Zwischen ihren Brauen grub sich die kleine schmale Falte ein.

„Onkel Heckstein —“ sagte sie dann zögernd. „Ich weiß es nicht —“

„Aber, liebe Helene!“