In diesen letzten zwei Tagen war die Erinnerung an Merivaux, die Erinnerung an jene flüchtigen Minuten im Rackower Park wohl bisweilen durch ihren Sinn geglitten. Aber sie hatte das abgewehrt, wie sie sich ihm selber entzogen hatte. Nicht einmal abgewehrt vielleicht; es war aufgetaucht und untergegangen in ihrem leidenschaftlichen Schmerz, wie einzelne Regentropfen in einem Seespiegel verschwinden, ohne Spuren zu hinterlassen.
„Aber, Helene!“ wiederholte Heckstein.
Da richtete sie den Kopf hoch und sah ihn an. Ganz tief eingeschnitten stand die Falte zwischen den Brauen in dem gequälten, übernächtigten Gesicht. Aber in ihrer müden Stimme lag doch etwas wie Trotz.
„Ich weiß es wirklich nicht“, sagte sie noch einmal. „Laßt mir Zeit.“ Und sie schluchzte kurz auf. Nur einmal. Dann kämpfte sie es herunter, griff nach den beiden Händen Hecksteins, drückte sie krampfhaft: „Dank, Onkel Pastor. Du hast mir doch wohlgetan! Dank!“
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Das märkische Kirchlein, der kleine Friedhof hatte eine solche Trauerversammlung noch nicht aufgenommen. Nun erst erwies es sich, wieviel Liebe der alte Rittmeister, der schlichte Mann, im ganzen Kreise und darüber hinaus besessen hatte. Heckstein hatte recht, wenn er in seiner einfachen Rede betonte: er ist heimgegangen zum ewigen Frieden und hinterläßt auf Erden keinen Feind.
Von weit her kam der Landadel. Aber es kamen auch die Bauern und Kossäten aus den nächsten Dörfern mit Weib und Kind. An diesem Tage ließen sie die Arbeit allenthalben ruhen, um dem Herrn auf Rohlbeck die letzte Ehre zu erweisen. Und aus den kleinen Städten kam von den Beamten und den Gewerbetreibenden, wer immer mit den Hackentins in Verbindung gestanden hatte.
In der Mitte der Kirche stand, von dem reichen Segen der sommerlichen Gärten verhüllt, der schwarze Sarg. Obenauf lagen die wenigen Orden. Die kostbarsten obenan: das Eiserne Kreuz und das russische St. Georgskreuz, das Hackentin sich bei Kulm Anno dreizehn erkämpft hatte.
Kurz und kernig sprach der Pfarrer, die eigene Ergriffenheit niederringend, vom Altar aus. Er zeichnete das Charakterbild des Verewigten: ein rechter und echter märkischer Edelmann, getreu seinem König, treu der Scholle, die ihn trug; herzensgut und hilfsbereit, ein guter Gatte, ein guter Vater, ein guter Patron, seinen Leuten allezeit ein guter Herr; tapfer im Kriege, bescheiden im Frieden. Gott vor Augen und im Herzen. „Manche werden vielleicht sagen und sprechen: es war kein reiches Leben. Die Toren! Gewiß, es war kein Leben, erfüllt mit äußeren Ehren. Es war kein Leben, emporgetragen durch großes Streben. Es war kein Leben voll Prunk und Glanz. Klein war der Kreis, in dem er wirkte, er, den ich durch nun fünfunddreißig Jahre meinen liebsten Freund nennen durfte. Aber er füllte diesen engen kleinen Kreis durch die Liebe seines großen, grundgütigen Herzens. Darum trauern wir alle so tief um ihn, darum will uns die Lücke, die Gottes unerforschlicher Ratschluß riß, als nimmer ausfüllbar erscheinen. Ich sage euch: es war ein reiches, gesegnetes Leben, und in reichem Segen bleibt uns sein Gedächtnis. Unser Herr und Gott, der dem lieben Verewigten dies Leben schenkte bis in das Greisenalter hinein, ohne daß des Alters Beschwerden an ihn herantraten, gab ihm auch einen gnädigen schnellen Tod sonder Schmerzen, und er hat ihn in Gnaden aufgenommen in sein himmlisches Reich. Amen.“
Die Orgel setzte ein. Und über den heut hundertstimmigen Chor hinaus sang die Tochter dem Vater das Lied von Ernst Moritz Arndt, das er sich schon vor Jahren von seinem Freunde Heckstein für diesen Tag erbeten hatte: