Und nun war alles vorüber, das Leben pochte wieder an die Tür mit seinen alltäglichen Forderungen und seinen Rechten.

Es gab vielerlei zu ordnen und zu besprechen, wie immer, wenn der Tod das Haupt einer Familie abberufen hat. Die beiden Brüder saßen zusammen über Büchern und Papieren, rechneten und rechneten mit heißen Köpfen. Dann wurden Martha und Helene hinzugezogen. Das Resultat war bedrückend. Von Jahr zu Jahr waren die Erträge von Rohlbeck geringer geworden; wenn man die Hypothekenschuld abzog, blieb nur ein kleiner Überschuß. Der sollte, dafür hatte vor allem Fritz gesorgt, für Helene gesichert werden. Nicht viel mehr war’s, als einmal eine knappe Ausstattung.

Rohlbeck war kein Lehngut. Deshalb hatte Wilhelm dafür gesprochen, den Besitz zu verkaufen. Aber da war es wieder Fritz, der sich dagegen ereiferte. Merkwürdigerweise.

In all den Tagen seit Vaters Tod war der Kreisrichter sehr still und in sich gekehrt gewesen. Er mochte nicht loskommen können von der schmerzlichen Empfindung, daß sein politisches Auftreten Vater in dessen letzten Stunden zum mindesten sehr stark erregt hatte. Zwar sprach niemand mit ihm, und auch er sprach mit niemand darüber. Aber in seinem Herzen lebte wohl die starke Empfindung, daß er gegen die Geschwister doppelt gut sein müßte.

So verzichtete er sofort auf jedes Erbteil und auch auf die kleine Zulage, die er bisher von Vater erhalten hatte. Als Wilhelm dann die Frage des Verkaufs aufs Tapet brachte, erklärte er sich dagegen: „Ich weiß ja, ihr werdet erstaunt sein. Ich weiß ja, wie ihr über meine politische Richtung denkt, daß ihr mich bisweilen vielleicht als einen Renegaten, als ein verlorenes Glied der Familie Hackentin angesehen habt. Still — Wilhelm, wir wollen daran nicht weiter rühren. Aber das sage ich euch: in mir lebt ein starker Familiensinn, und in mir lebt auch die Treue zur Heimaterde. Mit meiner Zustimmung wird Rohlbeck nicht verkauft, sondern für euren Ältesten erhalten.“

Martha war zu Tränen gerührt. Ganz in ihrem Sinne hatte Fritz gesprochen. Sie streckte dem Schwager die Hand hin: „Dank, Fritz, vielen, vielen Dank!“

Also nicht verkaufen, aber verpachten: das allein blieb schließlich übrig. Und Omama sollte mit Wilhelms nach Berlin ziehen.

Die alte Gnädige saß nun längst wieder auf ihrem Traumplatz am Fenster der großen Stube. Man merkte ihr vielleicht am wenigsten an, welches Leid über dies Haus gekommen war. Manchmal schien sie ganz interesselos, murmelte undeutlich vor sich hin; dann schien es, als ob sie nur Sinn für Äußerliches hätte: „Also Adolf Grucker war da? Und der Landrat? Artenaus auch — so — haben sie denn auch alle ordentlich zu essen bekommen, liebe Martha?“ Oder: „Heckstein wird recht alt. Er hätte wirklich mehr von Papachens Kriegstaten einflechten sollen, Anno dreizehn und so.“ Oder: „Helene steht die Trauer recht gut. Hatte Mariechen eigentlich Crêpe de Chine an?“ Manchmal aber rief sie plötzlich Diana zu sich ans Fenster und sprach mit dem Hunde fast wie mit einem Menschen. „Ja, Diana, das Herrchen! Ich weiß ja, manchmal war er hart zu dir. Zu mir auch. Aber geliebt haben wir ihn beide. Nicht wahr?“ Dann saß Diana dicht am Nähtisch, hatte den klugen Kopf weit vorgestreckt und winselte leise.

Sie hatten sich alle davor gefürchtet, Omama das Resultat ihrer Beratungen mitzuteilen; kam es ihnen doch wie ein Wagnis vor, dies Verpflanzen der Greisin nach Berlin. Merkwürdigerweise nahm sie alles ganz gelassen auf. „Tut nur, was notwendig ist. Auf mich nehmt keine Rücksicht“, sagte sie zuerst. Aber ein paar Stunden später winkte sie Martha zu sich und begann von Berlin zu sprechen. Von dem Berlin vor vierzig Jahren freilich: von König Friedrich Wilhelm dem Dritten und von seiner schönen Schwester Charlotte, der Kaiserin von Rußland. Ob man mit der Post bis zur Königstraße führe? Ob Jagor noch das erste Restaurant sei? Damals hätten sie immer im „Roten Adler“ in der Kurstraße gewohnt. Und ob Spontini noch lebte — das müßte Helene doch wissen. Den hätte sie einmal seinen „Nurmahal“ dirigieren sehen ... Helene mußte wirklich kommen, und Mutter redete von Iffland und von der Stich und dann von der Henriette Sonntag — immer fast, als ob sie gestern die gesehen hätte, und ob Kotzebues „Johanna von Montfaucon“ noch gegeben würde? Fast, als wäre die Gegenwart ausgelöscht in ihrem Gedächtnis, und als lebte sie nur noch der Erinnerung an längst vergangene Tage.

Wilhelm fühlte sich jetzt ein wenig als Haupt der Familie.