Dann war er gegangen.
Und Helene begann wieder ihre stumme Wanderung durch das kleine Zimmer, von einer Wand zur anderen. Immer tiefer grub sich dabei die Falte zwischen ihre Brauen ein. Immer trüber und schmerzlicher wurde der Ausdruck ihres Gesichts. Aber auch immer entschlossener.
Bis sie hinunter ging, um Merivaux zu empfangen.
Sie bat Martha, es so einzurichten, daß sie ihn gleich allein sprechen könnte. Die Schwägerin sah ihr erschrocken ins Gesicht. „Aber ... Helene ...“ Da sagte sie: „Bitte, liebe Martha, quäle mich nicht. Ich habe schwer genug zu leiden.“ Und der Ton ihrer Worte war wohl so bestimmt, daß Martha nur leise aufseufzte: „Ich meinte es gut. Geh in Vaters Zimmer. Ich werde Merivaux zu dir führen.“
Wohl eine Viertelstunde mußte sie in dem kleinen Raum warten, den Vater als sein eigentliches Heiligtum betrachtet hatte. Die Kinder, die Enkel hatten ihn selten betreten dürfen. In ihrer Stimmung aber empfand Helene doppelt eindringlich das Persönliche in diesem Zimmer. Die fast spartanische Einfachheit seiner Ausstattung, die vom Dorftischler gefertigten birkenen Stühle, das steife Roßhaarsofa, der gewaltige Schreibtisch, den Vater seiner Größe halber immer die „Kossätenscheune“ genannt hatte: das alles erinnerte sie an ihn, stimmte sie wehmütig. An der Wand hingen ein paar Familienbilder. Einmal, als sie noch ein Kind war, hatte er ihr die erklärt: „Das da war mein Herr Vater, Helene — das heißt, wir mußten ja damals zu unseren Eltern Sie sagen und Herr Vater und Frau Mutter. War auch ein gestrenger Herr, gegen uns Kinder, gegen alle Leute. Ich hab’s noch mitansehen müssen, daß er einen Knecht peitschen ließ, bis der ganze Rücken blutig war, und uns hat er auch oft genug mit der Karbatsche gezüchtigt. Ein gestrenger, ein harter Herr — das heißt, mit allem Respekt zu sagen. Aber es ist doch besser, wenn der Mensch ein weiches Herz hat. Man soll seinem Mitmenschen nichts zuleide tun, wenn man es vermeiden kann. Man soll auch mal ein Opfer bringen können deshalb. Merke dir das, mein Kind.“ Und da hing auch die Silhouette der schönen Tante Charlotte, die sie in der Familie das Bild ohne Gnade hießen — Tante Charlotte Hackentin, die um die Wende des Jahrhunderts Hofdame bei der Prinzessin Wilhelm gewesen war und von der die Sage ging, daß sich ihrethalben der Graf Hoym erschossen hätte.
Eine Weile stand Helene vor den Bildern.
Dann wandte sie sich ab und schüttelte den Kopf. Nein — es war töricht, Vergleiche und Folgerungen ziehen zu wollen. Töricht, kindisch war’s. Ihre Nerven spielten ihr einen Streich. Das war es, nichts anderes.
Und da trat auch schon Merivaux ins Zimmer, kam auf sie zu, faßte ihre beiden Hände, sah ihr tief in die Augen: „Liebe ’elene, liebe Helene,“ sagte er, „wie schwer hast du gelitten! Ich hab immerzu — immerzu nur an dich gedacht. Liebe Helene —“
Er küßte ihre Hände. Er wollte sie an sich ziehen.
Da bog sie sich weit zurück.