„Helene“, rief er. Erstaunt, erschrocken. Aber dann kam ein Lächeln auf sein Gesicht, ein kleines, zärtliches, schmerzliches Lächeln. Er küßte ihr noch einmal die Hand. „Arme, liebe ’elene“, sagte er wieder. „Oh, ich weiß, wenn ich meinen alten Papa hätte begraben müssen, ich würde auch nicht zu trösten gewesen sein ...“
Er suchte ihren Blick. Sie wandte das Gesicht zur Seite.
„... aber wenn dein Papa auf uns herabsieht ... ganz gewiß, Helene ... er würde uns segnen.“ Und nach einer Weile: „Sieh mich doch nur einmal an. Ich hab solch eine große Sehnsucht gehabt nach dir ... solch eine Sehnsucht. Ich hab dich ja so lieb!“
Immer noch hielt er ihre beiden Hände.
Zuerst hatte er Deutsch gesprochen. Nun strömten ihm, unbewußt wohl, die Laute seiner Muttersprache über die Lippen. „Manchmal denk ich, wie ich nur hab leben können ohne dich? All die Zeit, diese langen zwei Jahre! Lange, schwere Jahre, Helene! Und dann, endlich, endlich, neulich das Glück. Kaum getraut hab ich mich noch zu hoffen. Aber da war es mit einem Male, ein Geschenk des Himmels, dein Geschenk, Helene. Das Glück, das Glück, — deine Liebe!“
Und mit einem Male sprach er wieder Deutsch. „Sag’ einmal, einmal nur: ich hab dich lieb, Gaston ... Gaston ... hörst du ... Gaston, ich hab dich lieb ...“
Was hatte sie ihm nicht alles sagen wollen?! Wie hatte sie sich das alles überlegt! Ruhig, verständig: ‚Es war ein Rausch, Herr von Merivaux, der Rausch eines Augenblicks. So sehr ich mich schäme, ich muß es Ihnen gestehen. Um Ihretwillen; ich bin es Ihnen schuldig. Ich habe eine aufrichtige Zuneigung zu Ihnen, aber nicht mehr. Das langt nicht für das Leben. Wenn Sie mir zürnen, muß ich es tragen als die Schuldige. Nur verachten Sie mich nicht.‘ Das alles hatte sie ihm sagen wollen, und noch viel mehr. Ruhig, verständig, gewissenhaft. Ganz scharf hatte sie es sich überlegt und erwogen.
Und nun brachte sie kein Wort über die Lippen.
Seine zartfühlende Art lähmte sie. Die innige Liebe, die aus seinen Worten, aus seinem Wesen sprach, lähmte sie. Ihr Wille schmolz dahin. Und sie dachte nur das eine: ‚Mein Gott, wie soll das werden?‘ Dachte in tiefster Herzensangst: ‚Du kannst ja nicht nein sagen! Du hast ja nicht die Kraft, ihm diesen Schmerz zuzufügen.‘
Dann hörte sie wieder: „Ansehen sollst du mich, liebe Helene. Nur einmal ansehen!“