Wilhelms waren nun längst wieder in Berlin, Omama und Helene mit ihnen.

Man hatte sich etwas stark einschachteln müssen in der Wohnung. Helene mußte mit der Mutter ein Zimmer teilen; der Flügel war in Wilhelms Arbeitszimmer untergebracht worden. Eng war es, aber Martha wußte für alles Rat. Sie freute sich der Omama wie eines lieben Vermächtnisses, betreute und verhätschelte sie und wurde nur, dann und wann, ein wenig ungnädig, wenn sie die Jungens gar zu sehr verzog, ihnen zur unrechten Stunde eines ihrer unzähligen Hausmittelchen eindoktern wollte, oder wenn Omama sich an ihrer Nähmaschine zu tun machte. Denn diese Nähmaschine, die ihr Wilhelm kürzlich geschenkt hatte, war ihr etwas wie ein Heiligtum. Sie kostete freilich auch fast genau hundert Taler, und alle bekannten Damen kamen, um das neue Wunder anzustaunen, das die Singer-Kompanie gerade erst in Preußen einzuführen begonnen hatte. Omama konnte wohl ein Viertelstündchen dem Spiel des blanken Schiffchens zusehen; dann aber ging sie meist, kopfschüttelnd, zu ihrem Sorgenstuhl an das andere Fenster und schaute auf den Platz vor der Halleschen Brücke hinaus; wenn dort zwei Omnibusse hielten, drei Torwagen ihres Wegs zogen und ein halbes Dutzend Menschlein hasteten, dann sagte sie: „Liebes Kind, welch eine Cohue! Welch eine Cohue!“ Und sie schüttelte dabei die ewig kohlschwarzen, an jedem Morgen mit dem Tolleisen gebrannten Locken, die zu zwei und zwei rechts und links an ihren Schläfen wie Perpendikel hin und her schwangen.

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Einige Tage nach der Ankunft in Berlin war der alte Herr von Merivaux gekommen, um die Braut seines Sohnes zu begrüßen. Ein stattlicher, vornehmer Herr, mit einem rosigen Gesicht, langem, weißem Schnurrbart und weißem Henriquatre; im Knopfloch seines schwarzen Gehrocks trug er ostentativ das Bändchen des Roten Adlerordens.

Er war herzlich zu Helene, ein wenig zurückhaltend Wilhelms gegenüber. Helene hatte die Empfindung, als ob er bisweilen seine Augen etwas erstaunt, etwas enttäuscht über die einfache Einrichtung schweifen ließe, und sie straffte sofort den Nacken: sollte ich ihm vielleicht nicht gut genug sein, hat er eine reiche Schwiegertochter erwartet? Aber sie mußte bald erkennen, daß sie sich getäuscht hatte. Der alte Herr entwickelte eine herzgewinnende natürliche Liebenswürdigkeit. Er sagte ihr die reizendsten Artigkeiten, erklärte, daß er sehr erfreut wäre, eine preußische Aristokratin, eine Tochter aus so alter märkischer Familie, zur Schwiegertochter zu erhalten — fügte lächelnd hinzu: „Daß mein neues Töchterchen so schön ist, konnte ich freilich trotz Gastons Enthusiasmus nicht ahnen.“ Und dann kam die Frage, die sie gefürchtet hatte. Wieder mit einem leichten Lächeln: „Junge Leute haben es immer eilig, und sie haben recht. Man kann nicht früh genug ganz glücklich werden. So darf ich gewiß fragen, ob Sie schon den Termin der Hochzeit festgesetzt haben?“

Sie schöpfte tief Atem. „Keinesfalls — vor Ablauf des Trauerjahres“, sprach sie dann rasch und entschieden. Im gleichen Augenblick sah sie, wie Gaston errötete, daß Wilhelm, der der französisch geführten Unterhaltung nur mühsam folgen konnte, wie abwehrend die Hand hob.

Aber da verbeugte der alte Herr sich schon gegen sie: „Pardon ... ich muß wirklich sehr um Verzeihung bitten. Ihr Entschluß ehrt Ihre Gesinnung, liebe Tochter. Eine gute Tochter wird stets auch eine gute Frau. Sie haben durchaus recht. Gaston wird sich bescheiden müssen, so schwer das seiner Liebe gewiß ist.“

Gaston mußte sich bescheiden —

Er mußte sich überhaupt bescheiden: Helene war eine sehr spröde, eine herbe Braut. Sie war zu verständig, seiner Zärtlichkeit zu wehren, aber sie erwiderte sie nicht. Ein Dulden war’s, nie ein Geben. Und dann und wann kamen Stunden, in denen sie sich ihm ganz zu entziehen suchte, wo ihre Herbheit zur Härte wurde, ihre Kühle zur eisigen Kälte.

Einmal sagte ihr Martha: „Nimm mir’s nicht übel, Lene, aber ich muß dir die Leviten lesen. Du bist eine merkwürdige Braut! Hast du denn Fischblut in den Adern? Oder ist es ein kokettes Spiel, das du mit Gaston treibst? Ich an seiner Stelle ... ich ließe mir das einfach nicht gefallen.“