Merivaux hatte den Abend bei Wilhelm zugebracht. Als er aufbrach, geleitete Helene ihn gerade bis an die Zimmertür. Er stand wartend, ihre Hand in der seinen, mit einem bittenden Lächeln: „Nun ... du kommst doch noch einen Moment mit hinaus, ’elene?“ Da hatte sie den Kopf geschüttelt: „Geh nur! Gute Nacht!“

Jetzt saß sie in dem alten Ohrenwangenstuhl, der von Rohlbeck aus mitgewandert war, den Kopf ganz in die eine Ecke gedrückt, und Martha stand vor ihr, im sonst so ruhigen Gesicht den ehrlichen Zorn.

„Nein, ich ließe es mir wahrhaftig nicht gefallen! Ein so lieber Mensch ist Gaston. Immer gleich artig, immer aufmerksam. Und immer aufs neue sieht man, wie er dich liebt. Und du — wenn ich’s nicht besser wüßte, möchte ich sagen: ein Eisblock bist du. Wenn er nur mal ordentlich aufbrausen wollte! Dir deinen Kopf zurechtsetzen! Ich gönnte es dir!“

Ganz fest drückte Helene den Kopf gegen das harte Polster. Die Augen hatte sie geschlossen.

„Manchmal möchte man wahrhaftig glauben, du hättest Gaston nicht lieb!“

Die beiden Hände preßte Helene auf die Armlehne. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.

Und dann stand sie plötzlich auf, legte ihre Hände auf Marthas Schultern: „Quäle mich nicht! Ich bin so müde!“ sagte sie. „Schlaf wohl — wenn du kannst!“ und ging hinaus. Ging in ihr Zimmer, das sie mit Omama teilen mußte. Die lag schon im Bett, konnte aber nie einschlafen, ehe die Tochter kam, und redete dann immer noch allerlei. Halb waren’s Monologe, halb war’s an Helene gerichtet.

„Dein Gaston ... ja ... dein Gaston! Anno dreißig oder einunddreißig war ich in Karlsbad. Da lernte ich einen jungen Grafen Meerwedt kennen. Auch so chevaleresk wie dein lieber Gaston. Da haben wir einmal eine Partie in den Wald gemacht. Der Herr von Auerswald hatte die entrepreniert ...“ Dann kam ein halblautes Lachen ... „und da war eine junge Komteß Adelau, und mit einem Male war der Meerwedt und sie verschwunden, und dann fanden wir sie, gerade als er sie embrassierte ... Ja, die Jugend!“

Nun hatte sie schon Mutter gute Nacht gesagt und das Licht gelöscht. Da fing Omama noch einmal an, kicherte ein wenig und sagte: „Hörst du noch, Lenchen? Ich wollt nur sagen: vor dem guten Papa durft ich ja nie davon reden. Der war ja immer so komisch, wenn ich von Körner erzählte. Ja, wie war das doch nur? Ich find’s wohl nicht mehr recht zusammen. Wie war das doch nur?“

Ein Weilchen schwieg Omama. „Richtig, Lene, jetzt hab ich’s. Hörst du? Es ist so hübsch, was der Theodor sagt: Drum leb’, wer das Küssen und Lieben erdacht ... ja ... wer das Küssen erdacht ... Ich war auch einmal jung ... Küßt du ihn gern, deinen lieben Gaston?“