„Jawohl, glückliche Augen. Sorge nur, Helene, daß ihnen jeder trübe Schatten erspart bleibt.“
Sie sprachen noch dies und das. Dann war es Zeit, aufzubrechen. Aber als sie sich schon empfohlen hatten, hielt Tante Marianne Helene noch einmal zurück. Ihre Stimme bebte ein wenig, und in ihrem kleinen, blassen Gesicht lag ein Zug des Ergriffenseins. „Ist dir das auch schon aufgefallen,“ flüsterte sie hastig, „daß dein lieber Gaston die Augen von meinem Harro hat? Ganz Harros Augen.“ Und sie hob sich plötzlich auf den Zehenspitzen und küßte die Nichte zärtlich: „Lang mögen sie dir leuchten ... lang ...“
Draußen, im Vorgarten, fragte Merivaux: „Was hatte deine Frau Tante dir noch anzuvertrauen?“
Sie schüttelte den Kopf. „Nichts Besonderes, Gaston —“ und ging mit gesenktem Kopf neben ihm weiter bis zum Wagen. ‚Ja, Harros Augen‘, dachte sie. ‚Seine Augen, Harros Augen ... die haben es mir damals angetan, im Rackower Park ... —‘
Eine verhaltene Bitterkeit, fast etwas wie ein Vorwurf, lag in dem Gedanken. Sie fühlte es selber, empfand es als ein Unrecht. Fühlte sich ihm gegenüber ja so oft im Unrecht. Als sie im Wagen saßen, war es ihr, als müßte sie etwas gutmachen ihm gegenüber. Sie zwang sich, auf seine lebhafte Unterhaltung einzugehen, mit ihm zu plaudern. Und sie fand plötzlich, daß das gar nicht so schwer war. Er erzählte so anregend, er hatte so viele Interessen.
Einmal sagte sie, ein wenig nachdenklich: „Ich finde eigentlich, Gaston, daß du dich in den letzten Jahren recht verändert hast.“
„Mon Dieu ...“ gab er halb im Scherz, halb wirklich erschrocken zurück ... „Zu meinem Nachteil?“
„Nein, Gaston. Als ich dich kennen lernte, konnte ich in dir nicht mehr sehen als einen flotten, jungen Offizier.“
„Und nun?“
„Jetzt bin ich bisweilen erstaunt, wieviel du weißt. Daß dich Literatur und Kunst so stark interessieren.“