So herrlich hatte Strauß gesprochen. Über die Unruhe der Zeit und den Frieden im eigenen Herzen. Der alte König hatte in der Loge gesessen, mitten unter seinen Kriegern, ehrwürdig und sichtlich ergriffen.

An die Predigt dachte Helene und an den königlichen Greis, während sie langsam über die Spreebrücke schritt, am Museum vorbei, durch den Lustgarten. An die Unruhe der Zeit und den inneren Frieden, den Frieden des Herzens. Auch ihre Zeit war voll Unruhe gewesen, aber nun zog allmählich der Friede in ihr Herz. „Wir müssen um ihn kämpfen, auf daß er uns gegeben werde!“ hatte der Prediger gesagt. Auch sie hatte um ihn gerungen, nach ihren Kräften, und nun fühlte sie ihn in ihrer Brust. Nicht freilich als ein berauschendes Glück. Aber der Friede nach dem Kampf war wohl nimmer solch ein ganzes, volles Glück, denn das Weh der Kämpfe mußte noch lange, lange nachklingen. Und doch ein Glück! Eine wohlige Ruhe, ein friedvoller Ausblick aus der Gegenwart in die Zukunft — das war es!

Über die Schloßbrücke ging Helene, am Kronprinzenpalais und dem Opernhaus vorüber; blieb ein paar Augenblicke am Denkmal des Großen Friedrich stehen, sah zu dem Eckfenster des Palais empor, an dem sich, wie sie gehört hatte, der König häufig zeigte, wenn die Wache aufzog. Aber es war wohl noch zu früh. Langsam ging sie weiter, die Linden entlang.

Gerade wollte sie die Charlottenstraße überschreiten, da erschrak sie heftig. Es war wie ein Schlag. Das Herzblut stand ihr still ...

Drüben, vom Gendarmenmarkt her, kam ein Paar.

Eine elegante, nein — eine aufgeputzte Dame, sehr groß, sehr robust, mit flatternden Hutbändern um das volle Gesicht, das gewiß einst schön gewesen war —

Und neben ihr — neben ihr — Alfred Schwarz —

Fliehen wollte Helene, fliehen. Aber ihr Fuß stand wie gebannt.

Mühsam trat sie endlich ein paar Schritte zurück, trat in einen Hauseingang. Er sollte sie nicht sehen, durfte sie nicht erkennen.

Doch dann fühlte sie: er erkannte sie nimmer.