Alles sah sie, nichts entging ihr, während sie tief in den Hauseingang gedrückt stand und das ungleiche Paar drüben vorüberging, so nah, daß sie die laute Stimme der Frau hören konnte. Nicht die einzelnen Worte, aber den unfreundlichen, schneidenden Ton.
Alles sah sie. Er war noch immer sehr elegant angezogen, aber die Kleider schlotterten um seine Glieder. Die Frau — seine Frau sprach auf ihn ein. Da kam ein spöttisches Lächeln in seine Züge. Dann schlich er weiter. Sein Stock stieß schwer auf die Steine. Jetzt bogen sie in die Linden ein — — —
Helene stand noch immer in der Flurnische und rührte sich nicht. Sie starrte auf die Stelle, wo er soeben drüben Halt gemacht hatte, um Atem zu schöpfen, wo er spöttisch gelächelt hatte, wie jemand lächelt, der da denkt: was verschlägt’s?! Der Vorhang fällt, die Komödie ist aus — —
Das Herz krampfte sich ihr zusammen.
Das also war die Frau, um derentwillen er sie betrogen hatte und gedemütigt! Kaum zweihundert Schritte von hier, damals, als sie in der Winternacht vor seinen Fenstern stand, als hinter den blauen Vorhängen die Lichter aufflammten und die Silhouetten sich scharf abzeichneten: er und sie —
Wie die Erinnerungen kamen! Da hatte man geglaubt, sie seien eingesargt für immer. Und nun stiegen sie empor, lebten ein neues Leben, bohrten sich ins Herz.
Die Erinnerungen kamen und der Zorn und die Scham. Und dann über alles hinweg das große, große Mitleid.
Es war nicht mehr Liebe. Aber es war doch das Mitleid, das aus der Liebe geboren war. Die war tot, war tot — und lebte doch weiter in diesem alles durchdringenden Mitleid. Sie lebte weiter in den Erinnerungen, die längst eingesargt waren, und die doch wieder auferstanden, wühlten und schmerzten. Die immer wieder auferstehen würden, über die nichts hinwegtrug — nichts —
Und alles andere war Betrug und Selbstbetrug. Betrug war und Einbildung der erkämpfte Frieden. Betrug war, daß dies Herz je, jemals einen anderen lieben könnte. Betrug war jeder Kuß, den diese Lippen gaben, Betrug jedes Wort der Zärtlichkeit, Betrug jede Hoffnung auf ein zukünftiges Glück. — —
Zu Hause waren sie im Festtagskleide und in Festtagsstimmung. „Schade nur, schade, daß der gute Gaston heut nicht kommen konnte, daß er Kasernendienst hatte. Gerade heute, armes Bräutchen ...“ meinte Wilhelm. „Bissel elend sieht die Helene aus. Hat wohl ein kleines Silvesterkäterchen.“