„Ja, so leicht ist das nicht zu sagen. Einmal rein äußerlich. Wenn ich so denke, wie du radebrechtest, fast radebrechtest, als ich dich kennen lernte, und wie gut du jetzt unsre swere Sprak’ sprichst — das ist doch schon erstaunlich. Sogar über das H kommst du ganz glatt hinweg.“

„Das macht die Übung, Martha. Gerade des H! Denk’ doch nur, wenn man alle Augenblicke Helene sagen möchte, wenn man sogar Helene laut denkt, alle Tage, alle Stunden, alle Minuten —“

„Sei so gut und laß wenigstens die Sekunden aus. Obwohl ich dir das auch zutrauen würde. Die Sprache ist doch nur ein Äußerliches. Du hast dich aber in den letzten Jahren auch zum Preußen umgedacht.“

„Umgedacht — das ist ein neues Wort, das ich mir merken werde. — Ich bin doch Offizier Seiner Majestät des Königs von Preußen.“

Sie schob ihm den Teller mit den Brötchen näher und schenkte ihm sein Glas wieder voll.

„Das warst du früher auch. Aber du warst es, sozusagen, als Neuchateller. Jetzt aber merke ich, daß du ganz Preuße geworden bist. Fast möchte ich sagen: Märker. Wie du vorhin auf die Demokraten geschimpft hast, mußte ich an meinen guten seligen Schwiegerpapa denken. Viel besser konnte das der alte Rittmeister auch nicht.“

Martha hatte bisweilen im Gesicht einen Ausdruck von Schelmerei, der ihr allerliebst stand. So auch jetzt. Gaston machte ihr eine kleine Verbeugung: „Ich muß dich öfter zum Lächeln bringen,“ meinte er, „du hast dann zwei Grübchen in der Wange, die ganz reizend sind. Pardon für die Abschweifung. Ja ... du hast recht,“ fuhr er fort, „als ich eintrat, war mir Preußen eigentlich völlig Nebensache. Aber es ist wohl so: wenn man mit Leib und Seele Soldat ist, schließt man sich eben an das große Ganze immer enger an. Und dies Preußen hat überhaupt eine merkwürdige Assimilationskraft. Eure Mark noch besonders. Erst hab ich riesengroße Sehnsucht nach meinen Bergen gehabt und euren Sand fast gehaßt. Nun lieb ich ihn.“

„Es blüht freilich ein gewisses schönes Röslein auf diesem Sande — ein schönes Röslein, wenn es auch Dornen hat.“

„Laß nur die Dornen, ma belle-sœur — Die sind gar nicht so bös mehr ... Aber es scheint, da kommt Helene —“

Er war, als die Flurglocke klang, sofort aufgesprungen und ging seiner Braut entgegen. Die Tür blieb offen. Martha konnte von ihrem Platz aus gerade sehen, wie sie sich begrüßten. Sie lächelte wieder, aber diesmal fehlte die Schelmerei in ihrem Gesicht. Sie wunderte sich nur, sie ärgerte sich ein wenig, und sie dachte daran, wie sie einst ihrem Wilhelm bei jedem Wiedersehen, und wenn es nach einer Trennung von wenigen Stunden gewesen, an den Hals geflogen war.