Diese beiden da blieben ewig und immer zeremoniös. Gaston küßte Helene die Hand, sie hielt ihm, wenn es hoch kam, die Wange hin; dann schüttelten sie sich die Hände wie zwei gute Freunde; er nahm ihr den Mantel ab, und sie sprachen miteinander wieder wie gute Kameraden. Sie hörte es: „Du hier, Gaston!“ — „Ja, Helene, auf einen Sprung, gerade vom Kreuzberg. Verzeih den Dienstanzug.“ — „Aber ich bitt dich.“ — „Wo warst du denn, wenn ich fragen darf?“ — „Bei Frau Harriers.“ — „Das freut mich —“

Früher, vor zwei, drei Monaten noch, war zwischen den beiden dort häufig etwas wie ein Kampfzustand gewesen, ein heimliches Ringen, das auch dem Unbeteiligten nicht verborgen bleiben konnte. Jetzt schienen sie sich in einem schönen Gleichmaß gefunden zu haben. Schön? War dies Gleichmaß wirklich schön? Ja ... wenn man nicht beiden doch immer angemerkt hätte, daß es nur auf ein Beherrschen herauskam. Wenn man nicht das starke Temperament gekannt hätte, das in den beiden steckte. Auch in der Lene. Gerade in der Lene! Man brauchte ja nur zurückzudenken —

Sie kamen herein. Helene nickte der Schwägerin zu. „Kann ich von Gastons Frühstück mit profitieren?“

„Du wirst dem hungrigen Kriegsmann doch nicht seine paar kümmerlichen Brötchen fortessen. Wart’, ich hol’ dir was.“

Hinaus war sie. Aber hinter der Tür blieb sie stehen. ‚Die Welt wird nicht umstürzen, wenn ich einmal lausche. Ob sie sich jetzt wenigstens einen ordentlichen Kuß gaben?‘

Sie horchte vergeblich. Die da drinnen sprachen wie zwei gute Freunde. Von Musik natürlich wieder. Musik ist ja eine schöne Sache — ohne Zweifel. Aber ein Brautpaar hat doch eigentlich etwas Besseres zu tun. „Wir haben die Elsa wieder aufgenommen ...“ „Ich hätte mir den Schritt vom belcanto zu Wagner doch nicht so schwer gedacht ...“ „Alles kommt darauf an, den Charakter herauszuarbeiten, der Persönlichkeit gerecht zu werden.“ ‚Du mein Gott, werdet euch doch selber gerecht, ihr beiden lieben Narren. Wenn ihr wüßtet, wie kurz selbst eine lange Brautzeit ist und daß sie so nie wiederkehrt. Ihr Narren — ihr Narren!‘

Ärgerlich gab sie den Lauscherposten auf, ging in die Küche, machte eigenhändig eine Schrippe zurecht, benutzte die Gelegenheit, ihrer Minna nach bewährtem Rohlbecker Rezept gründlich den Kopf zu waschen, weil gestern abend ein baumlanger Grenadier vor der Küchentür gestanden hatte — „anständige Mädchen sind nicht so verliebt wie du dumme Trine!“ — und ging ins Wohnzimmer zurück.

Da saßen die beiden immer noch in ansehnlicher Distanz und sprachen immer noch kluge Worte. Diesmal hatten sie die Literatur beim Wickel. Natürlich — Lene schmökerte ja neuerdings in jeder freien Stunde, anstatt mal in der Küche nach dem Rechten zu sehen, was für eine angehende Hausfrau jedenfalls wichtiger wäre. Und wovon schnackten sie? Von dem neuen Roman, von dem jetzt alle Welt redete, der „Ägyptischen Königstochter“. Hilf, Himmel ... wann spielte die Geschichte? Im sechsten Jahrhundert vor Christi Geburt? Wenn es noch der herrliche Roman gewesen wäre, der jetzt gerade in der „Gartenlaube“ erschien: „Goldelse“ hieß er ja wohl. Aber das alte Ägypten!

Da saßen sie und redeten Bücher, und die Schrippe rührte Helene auch nicht an. Redeten und redeten — und machten sich selber nur was vor. Man brauchte sie ja nur anzusehen: Gaston sprach ganz ruhig, in seinem allerschönsten Deutsch, aber in seinen Augen lohte das verhaltene Feuer. Die Marlitt, oder wie die Verfasserin des Romans in der „Gartenlaube“ hieß, hätte leidenschaftliche Augen nicht besser beschreiben können, als man sie hier sah. Und Lene saß da, sprach ebenso ruhig, sah aber gar nicht auf. Nun, man kannte ja ihre Augen. In denen lag jetzt immer ein eigner feuchter Schimmer. Man kannte sie — aber klug wurde man aus ihnen nicht und aus Helene überhaupt nicht. Nur daß das Gesicht immer blasser und immer schmaler wurde, das sah man, aber dabei wurde das Mädel auch immer hübscher. Zum Verwundern war’s.

Endlich schien sich Gaston an Marthas Anwesenheit zu erinnern.