Er wartete.
Es gab wohl Stunden, in denen er verzweifeln wollte, in denen er meinte: es geht so nicht weiter, du trägst es nicht mehr! Du pochst gegen einen Stein, der nie Funken sprühen wird.
Aber er zwang sich immer wieder.
Sie waren wirklich gute Freunde geworden. Martha sah ganz recht.
Manchmal dachte Helene: es ist ja nicht anders als früher, wir waren ja immer gute Kameraden. Manchmal dachte sie: wir werden immer gute Freunde bleiben, ohne Streit und Zwist; was könnte ich mir Besseres wünschen; wie viele Ehen mögen selbst dieser Freundschaft entbehren. Aber oft, oft, in einsamen Stunden schrie es auch in ihr: soll es nun immer, immer so weitergehen! Und wenn du’s erträgst, kann er es denn ertragen, soll er darben ein ganzes langes Leben hindurch! Denn sie fühlte, daß hinter seinem beherrschten Wesen die Leidenschaft wachte, daß er wartete von Tag zu Tag. Und je vertrauter sie miteinander wurden, desto mehr litt sie um ihn, und konnte ihm doch nicht helfen.
‚Gib mich frei!‘ hatte sie ihn noch einmal gebeten. Er hatte nur den Kopf geschüttelt. In seinem Gesicht aber stand dabei ein fast fanatischer Ausdruck, wie sie ihn einst auf alten Märtyrerbildern gesehen hatte: ein Ausdruck des Leidens und des Glücks im Leiden. Dann war das Gesicht weich geworden. ‚Niemals!‘ hatte er gesagt. ‚Du kannst mir verbieten, dich zu sehen. Dich zu lieben kannst du mir nicht verbieten.‘
Oft dachte sie an seine Worte: ‚Wir alle können nicht vergessen, aber wir können überwinden. Und du hast längst überwunden.‘
Sie hatte nicht daran geglaubt, damals, als die Begegnung mit Schwarz ihr das Herz zerrissen. Nun wußte sie, daß er doch recht gehabt.
Wenige Tage später sprach Frau Harriers-Wippern plötzlich von Schwarz. Achselzuckend, mitleidig: „Sie kannten ihn ja. Er war immer ein Bruder Leichtsinn, der seine Gaben verschleuderte wie sein Geld. Jetzt war er hier, ohne Engagement. Zu mir ist er nicht gekommen, er schämte sich wohl. Aber ich hörte, daß es ihm schlecht geht, und daß er sehr unglücklich mit seiner Frau lebt. Röder hat ihnen beiden schließlich ein Engagement nach Odessa besorgt, aber mit einer Gage, die wohl gerade nur das Leben fristet.“ Sie seufzte leise. „Einer von vielen. Wer in unserem Beruf nicht Charakter hat und starken Willen, der leidet leicht Schiffbruch.“
Sie hatte es geahnt, und das Mitleid preßte ihre Seele, als sie es nun hörte. Die heiße Erregung jedoch, welche die Begegnung in ihr jäh wachgerufen, zitterte nicht mehr in ihr. Es war so, wie Gaston gesagt: überwunden hatte sie. Nur das Mitleid blieb. Und vielleicht nur ein dumpfes Weh: Die Leidenschaft für ihn hat all deine Kraft zur Liebe so ausgeschöpft, daß dein Herz arm geworden ist und arm bleiben wird für immer.