Gaston sprach zu ihr nie von dem Termin der Hochzeit.
Aber sie hörte, daß er mit den Geschwistern davon gesprochen, daß er den Frühherbst in Aussicht genommen hatte. Dann und wann kam auch die praktische Martha mit einer Anfrage wegen der Aussteuer. Sie hatte schon Leinen eingekauft und die Näherin im Hause, als könnte es gar nicht anders sein. Als ganz selbstverständlich, als Pflicht nahm sie es an, daß sie für Mutter eintrat.
Zuerst war Helene zusammengezuckt, als Martha von all dem sprach. Aber dann hatte sie lächeln können. „Du ordnest das gewiß am besten — ich danke dir.“ Und sie wunderte sich selber: ihr graute nicht vor der Entscheidung, ganz ruhig nahm sie sie hin. Wieder mit dem Empfinden: wie wenigen Mädchen mag die Erfüllung der höchsten Wünsche vergönnt sein, wie unendlich viele müssen sich bescheiden. Du hast es immer noch gut: Du hast Gaston sehr gern, du schätzt ihn, ihr seid eins in so vielem, so vielem. Unglücklich mit ihm kannst du nie werden. Nur ob du ihn glücklich machen wirst ...?
Sie war ruhig und gefaßt.
„Meine liebe Hackentin“, sagte einmal Frau Harriers etwas unzufrieden. „Sie sind ein wunderliches Menschenkind. Ich habe bei meinen Schülerinnen doch schon so manches erlebt, aber solche Wandlungen noch nie wie bei Ihnen.“
Helene wurde rot. Sie hatte immer noch diesen jähen Farbenwechsel, ja er war wohl noch auffallender, seit ihr Gesicht blaß und durchsichtig geworden war. „Was hab ich denn verbrochen?“ fragte sie etwas kleinlaut.
„Gar nichts. Sie schreiten in der Technik unaufhaltsam fort, ich werde Ihnen bald nichts mehr zu geben wissen. Aber die Technik ist doch nicht alles. Du lieber Gott! Das Organ gab Ihnen die gütige Natur, und wer die Stimme hat, kann schließlich bei dem nötigen Fleiß all das dazu lernen, was die Kunst zu lehren vermag. An Fleiß fehlt’s bei Ihnen auch nicht. Aber ich habe mit Ihnen Zeiten von so schwankender Stimmung durchgemacht, daß ich manchmal vor Rätseln stehe. Wie oft hab ich zügeln müssen, wenn das Temperament mit Ihnen durchgehen wollte —“
Sie standen vor dem Flügel. Die Stunde war beendet, im Vorzimmer wartete wohl schon eine andere Schülerin, oder der Herr Baumeister, der Gatte der Sängerin, wartete gar mit dem Mittagessen. Frau Harriers war ein wenig ungeduldig. Sie schloß den Flügel.
„Ja ... und soll ich Ihnen sagen, wie jetzt Ihre Stimme klingt? Apathisch klingt sie. Nach Resignation klingt sie! Alles schön, rund, tadellos, ein wahrer Genuß, diese Atemökonomie! Aber manchmal singen Sie ... wie drück’ ich’s nur aus? ... nun, wie aus Pflichtgefühl, aus einem müden Pflichtgefühl heraus. Wenn ich nicht wüßte, daß Sie ein glückliches Bräutchen sind und einen der besten Männer bekommen, würde ich mir allerlei Gedanken machen. So — nun ist’s heraus, und nun machen Sie, daß Sie fort kommen. Merivaux steht doch schon drüben und wartet auf Sie.“
... aus Pflichtgefühl ...