So also sang sie? Handelte sie auch so? Nur aus Pflichtgefühl? Und würde sie, nur aus Pflichtgefühl, Gaston eine gute Gattin werden? Alles nur aus armseligem Pflichtgefühl! Als ob sie sich treiben ließ auf einem der großen Bettelsuppenströme des Lebens!
Der Gedanke empörte sie. Denn sie hatte Gaston doch gern! Sehr gern sogar!
Ihr war es, als müßte sie sich selber aufrütteln. Sich herausreißen aus dem Sich-gehen-lassen, aus dem stumpfen Gleichmaß. Kämpfen gegen sich selber.
Unten, drüben auf dem Trottoir, ging wirklich Gaston auf und ab.
Ein paar Augenblicke blieb sie im Hausflur stehen, sah zu ihm hinüber. Die schmale Falte zwischen ihren Brauen grub sich tief ein.
Dann schritt sie schnell über die Straße, nickte, lächelte, hing sich in seinen Arm.
„Guten Morgen, lieber Gaston. Ich freue mich, daß du kommen konntest. Hast du Zeit? Können wir einen kleinen Bummel durch den Tiergarten machen?“
Er bejahte eifrig, sichtlich erfreut. Und sie gingen die Querallee hinauf, bogen zum Goldfischteich ein.
In den ersten Maitagen war es. Der Tiergarten stand im duftigen jungen Grün. Die Lenzsonne lag warm auf Weg und Steg. In den dichten Büschen zwitscherten die Amseln. Die Welt war schön geworden, fast über Nacht, denn plötzlich war der Frühling in die Mark gekommen.
Um diese Stunde war der Tiergarten wenig belebt. Am Rande der Wege ein paar Kinderwagen, aus denen rosige Babygesichter zur Sonne lachten; einige Spreewälderinnen in ihren bunten Röcken, dann und wann eine Matrone, die einsam Luft schöpfen ging, ein pensionierter alter Herr, der seinen Gesundheitsmarsch machte. Es verlor sich in der Weite.