„Krieg mit Österreich —“
„Vielleicht nicht nur das. In der „Kreuzzeitung“ stand, daß Sachsen und Hannover auch schon rüsten.“
„Sind wir Preußen denn so böse, daß man uns durchaus an den Kragen will?“
„Du Kind! Aber ich bin nicht viel besser als du, höchstens daß ich weiß: die Preußinnen können reizend sein! Ist mir auch wichtiger als die ganze Politik. Und nun laß gut sein. Ich bin so froh heut, so froh — —“
Als Helene daheim die Treppe hinaufstieg, tönte es in ihr, wie ferner, ferner Glockenklang: Du hast heut einen lieben Menschen sehr, sehr glücklich gemacht! Und sie war froh darüber.
Sie war so froh, daß sie oben Martha umarmte, dann zur alten Mutter lief, die am geöffneten Fenster in den Frühling hinausträumte, sie leise umfaßte: „Ich muß es dir doch sagen, Mama, Anfang August ist unsere Hochzeit.“
Omama sah auf, schüttelte verwundert den Kopf, nickte dann: „So ... so! Ja! Ja! Anfang August. Wir haben auch im August geheiratet. Ja ... warte einmal, Lenchen ... und Grucker auch. Damals ... also den lieben Gaston ... ich weiß ja ... ich weiß alles. Aber so blaß darfst du zur Hochzeit nicht aussehen, Lenchen ... und wir trugen damals den Brautschleier hinten fest in die Coiffüre gesteckt und par devant ein ganz schmales Myrtenkränzchen ...“ Sie kicherte leise und sang mit ihrer matten Stimme vor sich hin: „Wir winden dir den Jungfernkranz — mit veilchenblauer Seide! Ja, ja, mein Lenchen ... wir winden dir den Jungfernkranz mit veilchenblauer Seide ...“
Da kamen die Jungens hereingestürmt, erregt, mit roten Gesichtern. Sie schrien durcheinander, wollten sich nicht zu Worte kommen lassen. „Wißt ihr’s schon? Wie wir aus der Schule kamen, wurden die Extrablätter ausgerufen. Auf Bismarck ist geschossen worden! Unter den Linden. Er soll tot sein. Nein, schwer verwundet. Den Mörder haben sie gleich aufgeknüpft. Nein, Bismarck hat ihm selber noch die Pistole aus der Hand geschlagen —“
Es ging wirr durcheinander. Und dann war plötzlich Wilhelm da, auch er mit rotem Kopf. Er wußte alles ganz genau, hatte gerade bei Hiller gefrühstückt, nicht weit vom Schauplatz des Attentats. Nein, gottlob, Bismarck war nicht einmal verwundet, trotzdem der Mörder — Blind sollte er heißen und ein fanatischer Demokrat sein — aus nächster Nähe fünf Schüsse auf ihn abgefeuert hatte. Auf dem Wege zum König war Bismarck gewesen, zum Vortrag bei Seiner Majestät.
Wilhelm lief kreuz und quer durch die Stube, fast wie Vater es getan hatte, wenn er sehr erregt war. „Was für Zeiten, Martha, was für Zeiten! Heut morgen erst die Nachrichten aus Österreich und Italien. Überall Rüstungen, Mobilmachung. Dann die Börse — reine Kriegspanik. Was für Zeiten! Man mag es gar nicht ausdenken: wir dicht vor einem Kriege mit Österreich. Stellt euch das nur vor: mit Österreich, unserem Bundesgenossen seit achtzehnhundertdreizehn! Womöglich noch Krieg mit Sachsen, Hannover, Bayern, mit all den anderen deutschen Staaten! Wir allein! Dabei den Hader im Innern. Die Demokraten auf Bismarck spinnefeind — weg mit Bismarck, heißt’s hier, diesem Ministerium keinen Groschen! heißt’s da. Und unsere guten Konservativen — nun, weiß Gott, zum Verwundern ist’s nicht, daß sie den Bruch mit der österreichischen Freundschaft bitter beklagen. Wenn wir wirklich Krieg bekommen, ist’s ein schrecklicher Bruderkrieg. Wenn das Vater erlebt hätte! Unser armes Preußen!“