Nun stand er in der Mitte des Zimmers: „Jungens, glotzt mich nicht so dumm an. Wenn ihr älter seid, werdet ihr’s begreifen, was das heißt, Deutsche gegen Deutsche! Das Herz könnte sich einem im Leibe umdrehen. Und dabei geht’s um die Existenz, einfach um Sein oder Nichtsein. Wenn wir geschlagen werden — und wer kann im voraus wissen, wie die Würfel fallen — wenn wir geschlagen werden, hat Preußen aufgehört, eine Großmacht zu sein. Sie wollen uns ja längst den Großmachtkitzel austreiben. Lieber Gott, wie mag unserem König zumute sein vor der Entscheidung!“

Helene war noch immer bei der Mutter am geöffneten Fenster, durch das die milde Frühlingsluft hereinströmte.

Sie verstand das alles nur halb, was der Bruder in seiner Erregung heraussprudelte. Verstand es so wenig, wie sie früher Vaters politische Erörterungen verstanden hatte. Nur das eine verstand sie: Krieg — Deutsche gegen Deutsche! Und sie schauerte leise zusammen. Krieg — da zog dann auch Gaston hinaus —

„Aber Wilhelm, du sprichst ja, als ob das schon so gewiß wäre — das mit dem Krieg“, sagte Martha zag dazwischen.

„Sicher? Wer weiß das. Man hofft ja immer noch auf Frieden. Hofft? Heut war der Prinz Hohenlohe bei Hiller. Der hat Verwandte in der österreichischen Armee — die brennen alle auf unsere Demütigung. Freunde haben wir nirgendwo. Was heißt da hoffen? Zu Kreuze kriechen wir Preußen nicht. Wenn’s nicht anders sein kann, muß eben das Schwert entscheiden!“

Mit einem Male hob Omama wieder an: „Ja ... ja. Das Schwert ...“ Und sie sang leise vor sich hin: „Nun laßt das Liebchen singen — daß helle Funken springen — Der Hochzeitsmorgen graut —“

Da fielen die Jungens ein, wie auf Kommando: „Der Hochzeitsmorgen graut — Hurra, du Eisenbraut!“

Wenn in den nächsten Tagen Wilhelm nach Haus kam, war’s jedesmal mit umwölkter Stirn. Immer wieder stöhnte er: „Die Zeiten! Die Zeiten!“ Immer neue Nachrichten brachte er mit: Der König hatte nach langem Zögern die Mobilmachung von vier Armeekorps befohlen; Napoleon mischte sich in den Streit ein, bot seine Vermittlung an — natürlich um im Trüben zu fischen. Dann wußte er von Friedenspetitionen zu erzählen, die aus einzelnen Provinzen an Seine Majestät abgegangen wären, von schmachvollen Äußerungen einzelner demokratischer Führer: ‚Lieber die Kroaten in Berlin, als Bismarck noch länger am Staatsruder!‘ Dann wieder von patriotischen Regungen, wie wacker sich die zunächst bedrohten Schlesier hielten: ‚Wir wollen keinen schlechten Frieden!‘ hieß es gerade in ihrer Adresse. Aber immer waren seine letzten Worte: „Schlechte Zeiten! Schlechte Zeiten!“

Merivaux konnte nicht so viel kommen wie bisher. Der Dienst nahm ihn stark in Anspruch. Aber jedesmal, wenn er kam, war’s, als ob ein paar Sonnenstrahlen ins Haus glitten. Die Jungens, in denen eine gewaltige romantische Kriegslust erwacht war, jubelten ihm entgegen, Omama wachte, sobald er ins Zimmer trat, aus ihrem Traumleben auf, mit Martha und Wilhelm tauschte er Neuigkeiten. Und immer war er selber froh, heiter, zuversichtlich. Es lag etwas eigen Beruhigendes in seiner männlichen Frische, das auch auf Helene wirkte. Solange er bei ihr war, blieb sie ruhig. Sobald er gegangen, klang immer wieder in ihr auf: der Krieg — der Krieg! Einst hatte sie nur an Harros Tod gedacht, wenn vom Kriege die Rede war: nun bebte sie in Sorge um den lieben Freund, dessen Ring sie am Finger trug.

„Unruhige Zeiten! Schlechte Zeiten!“ Heut der Schimmer einer Friedenshoffnung. Morgen die sichere Erwartung: der Krieg ist unvermeidlich. Auf den Straßen die eingezogenen Rekruten und Landwehrleute in langen Zügen. An jedem Morgen endlose Kolonnen, die mit schmetternder Musik die Bellealliancestraße hinaufzogen zum Kreuzberg. Dann regelmäßig der König, der hinausfuhr, seine Garden noch einmal zu besichtigen.