Es war doch merkwürdig, es fiel auch Helene auf, wenn sie vom Eckfenster aus den schlichten Wagen des greisen Kriegsherrn schon von weitem sah: von Tag zu Tag fast steigerte sich der Jubel, der ihn umrauschte. Manchmal ging ihr durch den Sinn, wie sie ihn zuerst gesehen hatte, am Brandenburger Tor, vor nun drei Jahren, daß ihn damals nur wenige grüßten. Und heut standen die Bürgersteige voll wartender Menschen, vom Belleallianceplatz her hob es an und pflanzte sich fort, das dröhnende Hurra! Es war, als ob die Preußenherzen erwachten. Wenn das Vater erlebt hätte!
Dann war eines Tages Fritz da, der rote Kreisrichter. Ganz plötzlich und unerwartet, in aller Morgenfrühe, als unten gerade die Alexandriner mit klingendem Spiel vorüberzogen.
„Wilhelm, ich trag’s nicht länger. Ich habe aus lauterer Überzeugung gehandelt. Ich kann auch jetzt noch nicht mit Bismarck gehen, ich verurteile seine Stellung gegen den Augustenburger. Aber ich fühl’s, daß nun der innere Zwist schweigen muß. Wenn Preußen in Gefahr ist, müssen wir alle einig sein. Daß du’s nur weißt: ich bin gestern auf dem Generalkommando gewesen und hab mich zum Diensteintritt gemeldet.“
Wenn das Vater erlebt hätte! Wenn das Vater erlebt hätte!
Unruhige Zeiten! Das Abgeordnetenhaus, das jede Kriegsanleihe verweigert hätte, aufgelöst; Darlehnskassenscheine mußten ausgegeben werden, um die nötigsten Millionen zu schaffen, und konnten oft nur schwer untergebracht werden. Heut hieß es: die Österreicher rücken unter Benedeck in Schlesien ein. Morgen verlautete, Preußen hätte mit Italien einen Bündnisvertrag geschlossen, und in Venetien seien schon die ersten Kanonenschüsse gefallen. Noch nie seit fünfzig Jahren war der Kurs der preußischen Staatspapiere so tief gesunken wie in diesen Tagen.
Nun hatte auch Wilhelm die Uniform wieder angezogen, führte eine Ersatzkompagnie beim Franz-Regiment und war nicht wenig stolz im Schmuck der Waffen, war wieder ganz Soldat. Jetzt sprach er plötzlich nicht mehr von den „Schlechten Zeiten!“ Er sprach nur noch von seiner Kompagnie, von seinen Offizieren, von seinem Feldwebel. Und wenn er in den Dienst ging, bürstete Martha an ihm herum und sah ihm verliebt nach.
Eines Morgens hatte Helene eine kleine Besorgung am Belleallianceplatz gemacht. Als sie zurückkam, stand auf der Halleschen Brücke ein baumlanger Bauer, zog seine graue Kappe und greinte über das ganze braune Gesicht.
„Metschke! Metschke, wie kommen Sie denn hierher?“
„Jo, gnä’ Frölen, mei Willem steht doch bei de Franzer. Un ik wollt ihm doch noch mal sehn tun, e’ er ’n Krieg muß. Von wegen, deß ich ihm sag: tu du deine Schuldigkeit, mein Sohn, daß werr keene Schande an der ha’n. Na, gnä’ Frölen, er hätt’s jo och so getan, der Willem.“
„Das glaub ich, Metschke. Wollen Sie nicht mit heraufkommen? Da drüben an der Ecke wohnen wir.“