Sie nahm den Myrtenkranz, ließ ihn langsam, zärtlich durch die Finger gleiten. Leise sprach sie ihren Hochzeitsspruch vor sich hin: „... und hättet der Liebe nicht.“ — „Gott schütze dich, Gaston.“
Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!
Der Conte war in Berlin, Graf Grucker. Kam auch zu Wilhelms oder eigentlich zu der jungen Frau, die immer sein Liebling gewesen war. In Johanniteruniform, gestiefelt und gespornt, feldzugsgemäß, aber mit einem Riesenstrauß in der Rechten und einer massigen silbernen Bowle unter dem linken Arm. „Meine Hochachtung, Leneken. Da, nimm mal erst. Und nu’n Schmatz. Hast du brav gemacht. Na, wer war nur der Prophete? Wer hat dir gesagt: Leneken, der Neuchateller! Besinn dich man: zwischen der Schnapstheke und Madame Hufnagel. Da ... die Blumen vor’s Herz un den Kübel für’n Hausstand. Der Artenau, der Stickereimajor, die Dusche, kann euch die Rezepte dazu geben.“
Schwer ließ er sich in den nächsten Stuhl fallen. „Sind das Zeiten! Was, Wilhelm? Da ist der Manteuffel in Holstein eingerückt, und der Gablentz hat mit seinen Österreichern das Feld geräumt. Na, schön ... aber weißt du’s Neueste? Österreich hat gestern die Bundesexekution gegen Preußen beantragt. Scheußliche Geschichte! Wenn man so denkt, der janze deutsche Bund gegen Preußen! Bruderkrieg! Bruderkrieg!“
Weit streckte er die Riesenstiefel von sich: „Und, Wilhelm, unsre Alliance mit den italienischen Revolutionären von Mazzinis Gnaden ... brrr ... ’s geht einem doch höllisch contre cœur. Da hat man nu fünfzig Jahre und so die Fahne hochgehalten gegen den Umsturz ... ja ... und nu soll man sich mit ’n Male umkrempeln. Immer hat man’s mit Österreich gehalten, auch wenn se uns mal schlecht behandelt haben — das haben se manchmal — und nu heißt’s: linksum kehrt! Wenn das der alte Rittmeister erlebt hätte!“
Mit einem Male stand er wieder auf den Beinen, straff, zog den Uniformrock herunter. „Der König hat’s befohlen. Wird wohl nicht anders gegangen sein. Und gut ist’s schon, daß die Schwadronneure ’mal ’s Maul halten müssen. Ich sage euch, draußen in der Mark gilt wieder der alte Preußenruf: Mit Gott, für König und Vaterland! Na, Leneken, Mädel ... pardon! ... junge Frau, was machst du denn für’n ernstes Gesicht?“
„Ach — Onkel Grucker —“
„Paperlapapp! Warst doch immer ’n tapferes Frauenzimmerchen. Jede Kugel, die trifft ja nicht. Un was so’n richtiges märkisches Mädel ist, das beißt die Zähne zusammen, wenn der Herzallerliebste in’n Krieg muß. Pflicht — einfach Pflicht! Ich muß ja auch auf’n Kriegsschauplatz. Na wart ’mal, wenn ich deinem Mann begegne, werd’ ich ’n grüßen. Weißt du, was ich ’m sage: Monsieur de Merivaux. Sie sein ein janz verfluchtigter Schwerenöter. Aber Sie haben einen janz exzellenten Geschmack! Hol mich dieser und jener — meine Hochachtung!“ — —
Unruhige Zeiten! Unruhige Herzen!
‚Was geht mich die Politik an? Was geht mich die Zeitung an?‘ hatte Helene sonst gedacht. Nun harrte und wartete sie, mit den Jungens, die ganz rabiat geworden waren, um die Wette auf die alte verhuzelte Zeitungsfrau, kämpfte mit Hans und Thede jedesmal einen kleinen Kampf um das erste Blatt.