Die Preußen in Hannover. Die Preußen in Dresden. Der alte deutsche Bund nach Preußens Erklärung aufgelöst. Und dann der herrliche Aufruf des Königs „An mein Volk“ — ganz wie Vater so oft von Anno dreizehn erzählt hatte — mit den verheißungsvollen Schlußworten: „Verleiht uns Gott den Sieg, dann werden wir auch stark genug sein, das lose Band, welches die deutschen Lande mehr dem Namen als der Tat nach zusammenhielt, in anderer Gestalt fester und heilvoller zu erneuern!“

Spärlich kamen die Nachrichten von Gaston. Er hatte es vorausgesagt: „Ich werde so oft schreiben, wie ich kann. Aber sorge dich nicht, wenn einmal die Briefe ausbleiben.“

Spärlich kamen die Briefe, und sie waren kurz. Aber immer wieder stand es in ihnen: „Meine geliebte Frau!“

Als sie das zum ersten Male las, war ihr das Blut jäh in die Wangen gestiegen. Und jedesmal, wenn wieder ein Brief kam, flüchtete sie in irgendeine stille Ecke der Wohnung, daß niemand sie beobachten konnte. Und jedesmal sann und sann sie, lange, über dem Brief — und über sich selber.

Zum Altar war sie geschritten mit mühsam errungener Selbstbeherrschung; aufrecht gehalten durch den Gedanken an seine große, geduldige, nachsichtige Liebe, und doch mit quälendem Vorwurf im Herzen.

Nun war das alles ganz anders —

Der Sturmesrausch, den sie einst erträumt, der freilich war nicht gekommen. Nicht das Gefühl höchster Seligkeit, nicht die Wonne und Glut der Leidenschaft. Aber eine sanfte dankbare Zärtlichkeit füllte ihr Herz.

Hans und Thede hatten eine große Karte des Kriegsschauplatzes mitgebracht. Da verfolgten sie zu dritt nach den Zeitungsnachrichten und auch nach Gastons Briefen die Stellung der Truppen, so gut es eben ging, und nicht zuletzt suchten die Jungens nach jedem Quartier der Gardeschützen.

Sein letzter Brief kam aus Haindorf, dicht an der böhmischen Grenze: „Heut ritt der Kronprinz an uns vorüber. Die Schützen jubelten ihm zu. Übermorgen geht’s, hoffen wir, nach Österreich hinein. Sorge Dich nicht, meine geliebte Frau. Gott wird mich schützen. Vive le roi!“

Mit der Morgenpost war der Brief gekommen. Gegen Mittag stürzte Wilhelm die Treppe hinauf. Er hatte die Wache aufziehen lassen, war in Paradeuniform. Kaum im Zimmer, riß er die Schärpe herunter: „Martha, wir haben eine große Schlacht verloren!“ Die hellen Tränen liefen ihm über die Wangen. „Man weiß noch nichts Näheres. Aber es ist Tatsache. Eine große Schlacht! Die arme Armee! Der arme König!“