Er war in völliger Verzweiflung, aufgelöst, fast besinnungslos. Rannte im Zimmer auf und ab. „Eine große Schlacht verloren! Wie wird das nun werden! Wenn das Vater erlebt hätte.“ Vergeblich suchte Martha ihn zu beruhigen. „Gut, daß die Jungens noch nicht größer sind. Daß sie noch nicht ganz verstehen können, was wir verspielt haben.“

Auf Helene achteten sie nicht.

Sie stand an der Wand, mußte sich fest anlehnen, hatte die Hände vor die Brust gepreßt, und alles Blut war aus ihrem Gesicht gewichen.

Sie dachte nicht an die verlorene Schlacht, sie hörte nicht mehr, was der Bruder in seiner maßlosen Erregung sagte. Nur an Gaston dachte sie. Und plötzlich kam aus Angst und Sorge die Sehnsucht über sie.

Sie sah ihn vor sich in Not und Gefahr. Sie meinte ihn stürzen zu sehen, von Blut überströmt — die Feinde brachen über ihn herein, er lag unter Rossehufen —

Da schrie sie jäh auf: „Gaston!“ — —

Es war ein böser Abend, der Abend des 28. Juni. Wilhelm ging noch einmal in die Stadt, um Nachrichten einzuholen. Aber niemand wußte etwas Bestimmtes. Nur unklare Gerüchte schwirrten. Vergeblich umlagerte die Masse die Zeitungsredaktionen. Im Kriegsministerium zuckte man die Achseln. Ein höherer Offizier, den Wilhelm traf, lachte ihn aus: „Unsinn! Wir haben die besten Nachrichten. Der Kronprinz hat die böhmischen Pässe schon überschritten.“ Ein anderer sprach von einem unentschiedenen Gefecht gegen die hannöversche Armee, die sich nach dem Süden durchschlagen wollte.

Als er endlich heimkam, war Helene ruhiger geworden. Aber ihre Augen schienen von seinen Lippen ablesen zu wollen, was er für Nachricht brächte. Er hatte sich nun schon selber bezwungen, ärgerte sich über sein hitziges Temperament, das ihn immer alles pechschwarz oder rosenrot sehen ließ, versuchte zu scherzen. Aber da bat sie, mit erhobenen Händen: „Bitte — bitte — nein!“

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Am nächsten Vormittag lachte die Siegessonne über Berlin. Die Glocken läuteten. Die Jungens kamen glückstrahlend heim: die Schule war geschlossen worden auf die Siegeskunde von allen Seiten: von Nachod und Soor und Alt-Rognitz und Königinhof. Genug des Triumphes, um die übertriebenen Gerüchte von gestern, die die Schläge von Trautenau und Langensalza zu schweren Niederlagen gestempelt, vergessen zu machen.