Die Siegessonne lachte über Berlin.
Helene stand am Fenster und sah, wie auf allen Häusern die schwarzweißen Fahnen aufstiegen. Drüben am Rotherschen Stift vor der Anschlagsäule drängte sich das Volk um die Depeschen. An der Brücke stand ein langer Tisch, ein paar Bürger dahinter, mit großen schwarzweißen Kokarden an den Zylinderhüten und Sammelbüchsen in den Händen: „Für unsere tapferen Krieger.“
Die Siegessonne leuchtete über Berlin. Wie Jauchzen und Jubeln klang es von fern her. Und dann und wann, wenn wieder ein Packen Extrablätter unter die Masse vor der Litfaßsäule flog, brach dort ein brausendes Hurrarufen aus.
Die Siegessonne lachte über ganz Preußen. Auch über die Hunderttausende, die sich um Vater, Mann oder Kind härmten.
An Vater dachte Helene, an den alten Rittmeister, und was der ihr wohl gesagt hätte: ‚... das heißt, mein Lenchen, in solchen Stunden kann die Frau erst zeigen, was sie wert ist. Fünf Brüder gingen wir Anno dreizehn ins Feld, zwei kamen wir nur zurück. Aber meine Mutter hat nicht gejammert und geflennt. Wenn sie von den Brüdern sprach, hat sie immer nur gesagt: Sie starben für König und Vaterland den Heldentod.‘ — —
Unruhige Zeiten! Glückliche Zeiten!
Wieder klangen die Glocken. Die hannöversche Armee war zur Kapitulation gezwungen, und während der König auf den Kriegsschauplatz eilte, brach Prinz Friedrich Karl den heldenmütigen Widerstand der Österreicher und Sachsen bei Gitschin.
Wieder jubelte Berlin. Und wieder harrten und härmten sich Hunderttausende um Väter, Gatten, Brüder, Söhne.
Eine kurze Zeile nur hatte Helene erhalten, mit Bleistift beim Biwakfeuer geschrieben: „Bin gesund und denke Dein in Liebe und Sehnsucht. Gaston.“ In unaussprechlichem Dankgefühl schlossen sich ihre Hände um das kleine Blatt. — — —
„Der Gouverneur soll Viktoria schießen.“