Die Brüder saßen viel zusammen. Wilhelm war ein wenig stolz auf den verwundeten Bruder, klagte, daß er selbst beim Ersatz geblieben war, tat sich etwas darauf zugute, Fritz bei sich zu pflegen und zu hegen; ihm das Beste vorzusetzen, was der Keller hergab, und für seine Unterhaltung zu sorgen. Bis zur Stunde, wo Wilhelm aus dem Dienst kam, las Fritz sämtliche Berliner Zeitungen und war dann vollgesogen wie ein Schwamm. Sein sonnengebräuntes Gesicht lachte, wenn er Wilhelm und möglichst die ganze Familie an seinem Schmerzenslager versammelt sah.
Da hörte denn auch Helene, was Großes geschehen, welch Größeres in Aussicht stand für Preußen, für das deutsche Vaterland.
Fritz war noch immer der Mann der Politik. Aber der ‚rote Kreisrichter‘ war er nicht mehr. „Wir haben uns geirrt. Die besten von uns gestehen es offen ein. Wir haben vor allem Bismarck unrecht getan — und dem König. Wir haben uns geirrt — im ehrlichen Glauben. Aber nun heißt’s für uns, auch ehrlich die dargebotene Hand zu ergreifen. Der Konflikt muß begraben sein. Gottlob!“
Und er sprach weiter vom neuen Norddeutschen Bunde, und wie der nur die Vorstufe sei zu einem einigen Deutschland. Er sprach wehmütig vom Ausscheiden Österreichs aus dem Kreise der deutschen Staaten und von Bismarcks politischer Weisheit, die dem Donaustaat allzu schwere Opfer erspare; wohl in der Hoffnung, daß es dereinst auch mit ihm zu einer Versöhnung kommen möge. „Denn wir sind und bleiben deutsche Brüder!“ Und er sprach stolz von Preußens Machtzuwachs, daß nun die beiden Hälften der Monarchie verbunden seien, das Preußen mit Schleswig-Holstein den besten deutschen Kriegshafen gewonnen habe.
Helene hörte das alles: Sie freute sich auch darüber. Zumal, wenn es immer wieder hieß: „Wenn doch unser guter Vater das erlebt hätte!“
Aber sie schämte sich auch. Nein, eine gute Patriotin war sie nicht! Ihr Herz war so voll von dem einen, daß sich für alles andere nur wenig Raum fand. Beim besten Willen: der Norddeutsche Bund und die deutsche Einheit, die ließen sie im letzten Grunde gleichgültig. Sie hörte das alles, und sie dachte doch nur an Gaston.
Dann legte wohl Martha den Arm um den Nacken der jungen Frau und küßte sie wortlos auf die Stirn. Oder die alte Omama kam auf ihren Krückstock gestützt vom Fensterplatz herüber, schüttelte den Kopf, daß die schwarzen Schläfenlocken pendelten, und meinte: „Unsre Lene war eben immer ein kurioses Menschenkind ... ja ... aber ihr müßt wissen ... C’est l’amour! C’est l’amour! Ja, der Flehr ... übrigens etwas deplaciert kam ich mir doch neben ihm vor, neulich im Konzert ... ja, der Kantor hat auch gesagt: gelernt hätt’ die Lene wohl unglaublich viel, aber das allein tät’s doch nicht.“ Ganz leise kicherte sie noch einmal vor sich hin: „C’est l’amour! C’est l’amour.“ Und Helene wurde rot wie ein junges Mädchen. — — —
Wilhelm schmiedete schon neue Geschäftspläne. Er wollte mit einem Konsortium die Waffen der früheren hannöverschen und hessischen Truppen kaufen. „Ich stehe in Unterhandlung mit chilenischen und argentinischen Emissären — für Südamerika sind die alten Flinten noch wunderbar schön.“ Dabei rechnete er auf Heller und Pfennig heraus, daß er den Seinen ein riesiges Vermögen bei dem Geschäft gewinnen müsse. „Sobald ich entlassen bin, geh ich nach London, um abzuschließen!“
‚Arme Martha! Er ist und bleibt der unverbesserliche Phantast und Optimist.‘ Aber wenn Helene ihm in sein schönes, immer heiteres Gesicht sah, sein liebenswürdiges Lachen hörte, sagte sie sich wieder: ‚Bös kann man ihm doch nicht sein. Auch Martha nicht, wenn sie auch manchmal nicht leicht trägt. Im Grunde: die beiden passen trefflich zueinander.‘
Dann träumte sie weiter: ‚Wie werden wir beide wohl miteinander sein?‘ Und sie preßte die Hände aneinander, als ob sie etwas recht, recht fest halten wollte.