Plötzlich fuhr Graf Grucker in die Höhe: „Die Rohlbecker! Und die Lene ist auch mit. Donnerwetter, da muß ich doch ...“ Er stülpte seine Kappe auf und hastete zur Tür hinaus.

Draußen half Wilhelm Hackentin seinem Vater aus dem Wagen.

Vater und Sohn waren sehr verschieden. Wilhelm überragte den Rittmeister fast um Haupteslänge, und sein Gesicht zeigte nicht die Hackentinschen Züge, sondern die Gruckerschen, mit dem ausgeprägten Kinn, der kühn geschwungenen Nase. Er hieß nicht umsonst der „schöne“ Wilhelm. Und man sah ihm an, er hielt auf sein Äußeres. Während der Vater einen grauen, ausgedienten Flausrock trug, war er sehr elegant und sehr geschmackvoll gekleidet, in einem langen hellen Redingote, unter dem weite, gestreifte Beinkleider mit breiten, schwarzen Galons hervorsahen; und während der Rittmeister Handschuhe grundsätzlich verschmähte, außer beim Kirchgang, deckten seine auffallend kleinen Hände weiche gelbe Lederhandschuhe; der alte Herr trug eine Jagdkappe, abgetragen wie sein Überrock, der Sohn eine seidene schwarze Reisemütze von fast kokettem Schnitt.

„Meine Hochachtung!“ rief der Graf schon auf der obersten Stufe zur Apothekentür, und dann hatte er den Rittmeister umhalst und küßte ihn schallend erst auf die rechte, dann auf die linke Backe. „Tag, Schwager. Tag, Wilhelm!“ Auch der bekam seine Küsse, und dann hob Grucker die Nichte mit seinen mächtigen Armen aus dem Wagen, schwenkte sie einmal im Kreis, daß die Röcke flogen, setzte sie nieder, und gleich hatte auch sie ihr Teil: diesmal aber traf’s nicht die Wangen, sondern die Lippen. Lene hielt übrigens ganz stille. Hätte sich ja auch nicht rühren können, so fest hielt der Onkel. Wollte sich auch nicht rühren: denn Onkel Grucker war eben Onkel Grucker. Und ihr Pate dazu.

Er schnalzte mit der Zunge und lachte: „Meine Hochachtung! Geht man hinein und sorgt, daß mir der Artenau das Röhrenwasser nicht aussauft. Ich muß mit der Lene erst ... na, Puttchen, he? — was müssen wir denn?“

Sie hatte bei ihm schon eingehakt: „... zu Tante Hufnagel gehen ...“

„Na natürlich. Und wenn’s ’n Daler kost’.“

Das war immer so. Wenn der Graf auf den Jahrmärkten einer seiner Nichten habhaft wurde — und manchmal waren’s auch nur Wahlnichten, aber jung und hübsch mußten sie sein —, dann zog er mit ihnen zu Tante Hufnagel. Und gewöhnlich hatten sie dabei einen Kometenschweif hinter sich: die liebe Jugend des Städtchens. Denn die wußte, daß es dem Sodelziger Herrn, so sparsam der sonst war, auf ein paar Hände voll Pfeffernüsse nicht ankam. Manchmal auch nicht auf eine Handvoll blanker Dreier. Gerad wie dem alten Wrangel in Berlin.

„Na, Puttchen, was macht das Herz?“ scherzte er, während sie über die Straße gingen.

„Onkel Grucker, ich hab keins.“