Aber nun zögerte Helene doch wieder. Es war sehr laut im Nebenzimmer. Auch der Graf horchte auf. „Die scheinen ja ’n bissel scharf aneinander geraten. Hör’ mal, Lene ...“
„Ich möchte doch lieber ...“
„Na, du wirst dich doch nicht fürchten! Was sich zankt, liebt sich, Leneken.“
Er stieß die Türe auf, stapfte mit seinem lauten „Meine Hochachtung!“ über die Schwelle, stieß aber direkt auf seinen Neffen Fritz Hackentin, der — mit dem Hut in der Hand — hinauswollte, rot im Gesicht und vor Erregung zitternd. Der Bruder stand daneben, suchte ihm den Hut zu entwinden.
„Hallo, mein Junge!“ rief Grucker. „Hier wird nicht desertiert.“ Er faßte ihn mit beiden Händen um den Leib, hob ihn hoch, wie man ein Kind hochhebt, drehte ihn um und schob ihn, ohne loszulassen, wieder zum Tisch hin. „Komm, Lene, Mädel, streichle mal ’n bißken. Kreuzdonnerstag und Freitag, man wird doch hier in Ruh’ sein Glas Wein trinken können!“
„Laß mich, Onkel Grucker ... laß mich!“
Aber die eisernen Fäuste hielten fest. „Nee, Fritz. So kommst du nicht los. Erst ’n Versöhnungsschluck. Habt wieder mal hohe Politik getrieben — he? Verflucht und zugenäht! Na, was gab’s denn?“
Drüben saß der alte Rittmeister. Er war so blaß im Gesicht, wie der Sohn rot war, und die Hand, die er am Glas hielt, zitterte auch. Aber er zwang sich. „Wenn du’s wissen willst, Schwager. Das heißt, daß mein Sohn Fritz uns gerad erzählt hat, daß er Mitglied vom Nationalverein ist. Und da hab ich ihm meine Meinung gesagt. Das heißt, über die ganze Schreierei und über den vielgeliebten Schützenherzog in Gotha dazu. Und das kann er nicht vertragen.“
„Deshalb ist es besser, ich gehe!“ stieß der Kreisrichter hervor. „Meine Überzeugung lasse ich nicht antasten, auch von dir nicht, Papa.“
Der Graf hatte ein Lachen, das oft geradezu erlösend wirken konnte. So lachte er jetzt. Und es paßte in dies Lachen hinein, was er zwischendurch in einzelnen Brocken vorbrachte: „Brat mir einer ’n Storch ... kriegen sich Vater und Sohn wegen Herzog Ernst von Sachsen-Koburg-Gotha, Durchlaucht und so, an den Kragen ... aber den Storch recht knusperig, bitte! Kinderkens, seid gut ... lieber Artenau, du oller Stickereimajor, nu aber schnell ’ne neue Mischung ... was Besänftigendes. Heut wird nicht mehr Politik gemacht ... hier setzt du dich, Fritze ... so ... na, und da hab ich euch die Lene mitgebracht ... Lene ... Puttchen ... komm her. Es frißt dich keiner ...“