Sie war an der Tür stehengeblieben.
Daß sich Vater und Bruder stritten, war ihr nichts Neues. Das ging nun schon seit Jahren, man hatte sich nachgerade daran gewöhnt: Vater und Fritz vertrugen sich schließlich immer wieder, und Onkel Grucker brachte das gewiß heute schnell zuwege. Er verstand das Leimen.
Aber diesmal war’s ihr peinlich. Weil der Fremde dabei war. Der Russe, gegen den sie vom ersten Sehen an etwas wie instinktive Abneigung empfunden hatte.
Das Zimmer war mit Tabaksrauch gefüllt. Mehr noch als Onkel Pastors Arbeitsstube am Sonnabend. Mit dem Messer hätte man den Qualm durchschneiden können, und die Augen taten einem weh; kaum, daß man die Herren am Tisch unterscheiden konnte: den Doktor, der bei Lene noch von früher her immer einen Lebertrangeschmack auf der Zunge hervorrief, den lustigen Herrn Herr, Artenau, Onkel Ernst ...
Ja ... und da stand der Russe am Fenster.
Fast wie sie an der Tür. Vielleicht hatte er auch den gleichen Gedanken wie sie: ich wollte, ich wäre nicht hier. Zu verwundern wär’s nicht.
Das Gespräch am Tisch ging noch ein paar Augenblicke weiter. Schon gemäßigter. Sie hörte nur einzelne Worte ... „Das deutsche Vaterland ...“ sagte Fritz. „Nee, unser altes Preußen ...“ sagte Vater, und Onkel Grucker: „Nu laßt’s mal endlich ...“
Da war auch schon der Rackower aufgestanden, dem jeder politische Streit unbequem war, hatte das Monokel ins Auge geklemmt und ihr zugenickt, war zu seinem Gast ans Fenster getreten. Und der wandte ihr im nächsten Moment das Gesicht zu, verbeugte sich.
Zu dumm, zu kindisch, daß man immer noch rot wurde wie ein Backfisch ...
„Na, Leneken, wo steckst du denn?“ rief der Graf schon zum drittenmal. „So komm doch! ’s ist wieder Friede im Lande.“