Langsam ging sie an den Tisch, nickte, reichte die Hand. Und nun walzte sich Onkel Ernst heran, stellte ihr den Russen vor. Jäh überflutete sie wieder die alberne Röte. Aber sie überwand sie diesmal schnell; vielleicht, weil es ihr so komisch vorkam, daß er Schwarz hieß, einfach Schwarz, während sie irgendeinen Namen auf off oder itsch erwartet hatte.
Der Friede schien wirklich geschlossen, die Gläser wurden neu gefüllt, Grucker hatte schon wieder eine seiner langen dicken Zigarren in Brand. Dann hieß es plötzlich, wie zur Besiegelung des Friedens: „Lieber Herr Herr, pfeifen Sie uns eins“, und der Apotheker ließ sich nicht lange bitten. Er spitzte die Lippen und pfiff. Erst von Schumann: „Wohlauf, noch getrunken, den funkelnden Wein ...“ und dann sein Glanzstück aus „Fra Diavolo“.
Eigentlich liebte Helene dies Kunstpfeifen wenig. Es hatte für ihr empfindliches Ohr immer ein wenig Schrilles. Aber das mußte sie zugeben: Herr Herr machte seine Sache gut, und es war doch Musik. Stets, wenn ein Lied erklang, wurde ihre Seele wach.
Und dann war sie mit einem Male, sie wußte selbst nicht, wie es eigentlich gekommen war, in einem Gespräch mit dem Russen. Sie nannte ihn im stillen immer den Russen, wenn er auch Schwarz hieß.
Er hatte an die Produktion des Apothekers angeknüpft, aber sie waren im Nu darüber hinaus. Von der Musik im allgemeinen sprach er, von den neuesten Opern dann, von Spontini, von Donizetti, von Lortzing und vor allem von Meyerbeer. Eigen erfreut schien er, daß sie gut Bescheid wußte. Einmal sagte er: „Ich hätte nie geahnt, daß man hier, in der Landeinsamkeit, Musik so liebt.“
„Gerade, wenn man so einsam lebt, meine ich, muß man sie doppelt lieben.“
„Sie ist die große Herzenströsterin.“ Er sprach es mit Emphase, aber das entging ihr.
„Ich finde, daß sie immer neue Sehnsucht weckt“, erwiderte sie.
Als ob er sie nicht ganz verstanden hätte, so schaute er sie an. Er wiegte den schönen Kopf: „Gewiß, sie weckt Sehnsuchten, aber nur, um sie wieder zu stillen.“ Und dann: „Sie üben selber Musik, gnädiges Fräulein? Aber was frage ich — wer sich so stark für Musik interessiert, muß auch versuchen, dem inneren Drang zum Leben zu verhelfen.“
„Ich singe ... ein wenig.“ Erst als sie es gesagt hatte, fiel ihr ein, daß Onkel Grucker vorhin von Herrn Schwarz als dem „Moskowiter Sänger“ gesprochen hatte. Es war aber nur eine ganz unklare Vorstellung in ihr, was der Onkel eigentlich damit gemeint hatte, und sie war nun doch neugierig: „Sie singen auch — nicht wahr?“ fragte sie, und es mochte wohl sehr naiv klingen. Denn er lachte ganz leise, verneigte sich ein wenig: „Es ist ja mein Beruf, gnädiges Fräulein. Ich bin Opernsänger.“