Das war ihr eine kleine Enttäuschung. Er hatte so weltmännisch geplaudert; für einen Diplomaten würde sie ihn gehalten haben, vielleicht auch für einen Offizier in Zivil. Opernsänger ... Komödiant ... das hätte sie nicht gedacht. Aber es interessierte sie gewaltig, und aus dem Untergrund ihres Bewußtseins stiegen zugleich Erinnerungen an eigene heiße, tolle Träume empor, in denen sie sich selber gefeiert gesehen hatte, wie die Jenny Lind gefeiert worden, wie jetzt die Lucca in Berlin. So daß sie sich der ersten Empfindung schämte und lebhaft, doppelt liebenswürdig meinte: „Jetzt verstehe ich erst. Nicht wahr, Herr Schwarz, Sie waren in Petersburg engagiert und daher“ ... nun überkam sie wieder eine leichte Verlegenheit ... „daher hieß es auch, daß Sie Russe wären? Wo haben Sie eigentlich meine Verwandten kennen gelernt?“

„In Ems, gnädiges Fräulein. Wir gebrauchten zur gleichen Zeit die Kur. Das russische Klima hatte bei mir eine kleine Halsaffektion hervorgerufen. Man muß vorsichtig sein in meinem Beruf.“

Sie hatten ganz ungestört miteinander sprechen können, denn die übrige Tafelrunde war völlig durch Herrn Herr in Anspruch genommen. Der mochte wohl von dem Wunsch beseelt sein, ein politisches Gespräch nicht neu aufkommen zu lassen. Hatte erzählt, daß er von Frankfurt eine von den neuen merkwürdigen Lampen mitgebracht hätte, die mit Petroleum gespeist würden, einem Öl, das in Amerika aus der Erde fließe. Der und jener hatte davon schon gehört, der Rackower und Wilhelm Hackentin hatten die Lampen auch in Berlin gesehen. Doktor Tiburtius wollte wissen, daß man Erdöl schon im Altertum zur Beleuchtung gebraucht hätte; Ben Akiba habe nun einmal recht: es gebe nichts Neues unter der Sonne. Im übrigen wäre das ein gefährliches Zeug, stinke wie die Pest und explodiere wie Schießpulver. Als der Apotheker schließlich das Lämplein holte und umständlich anzündete, rückten die Herren wirklich vorsichtig ihre Stühle rückwärts, am weitesten Artenau.

„Meine Hochachtung“, rief Grucker und klatschte sich auf die Oberschenkel.

Da blickte Helene auf und sah durch die dichten schweren Tabakswolken die helle, gelbliche Flamme über dem gläsernen Bassin. Und mit einem Male kam es ihr vor, als wäre sie emporgeflogen, weit hinauf, und nun wieder jäh auf die Erde zurückgeworfen. Die Lampe im großen Zimmer zu Rohlbeck stand plötzlich vor ihr, sie hörte das Gluck-Gluck, und sie sah den häßlichen Fleck, den das schwere Gestell in die alte, braune Plüschdecke gedrückt hatte.

Sie mochte nicht weiter sprechen, und nur wie von fernher hörte sie, was die andern sagten. Bruder Wilhelm natürlich schon von Plänen und Spekulationen, die man in Berlin an das Erdöl knüpfe. Du lieber Gott, das war auch solch Phantast, der gute Wilhelm. Immer wollte er in den Himmel fliegen, und immer setzte ihn das Schicksal hart auf den Rohlbecker Sand zurück. Dann sprach ja wohl Fritz davon, daß das Petroleum, wenn die Zeitungen recht berichteten, sehr billig werden würde, daß es das Licht der Armen werden könnte; die Quellen in Nordamerika sollten schier unerschöpflich sein. Und da mischte sich Vater ein. Was für ein Unsinn, meinte der. Billig — bei den hohen Transportkosten übers Weltmeer. Die armen Leute übrigens — die armen Leute! Erstens gibt’s, gottlob, auf dem Lande keine wirklich armen Leute, das heißt, die Rohlbecker Herrschaft ausgenommen. Und zweitens sollten die armen Leute nur ihre Talglichter weiter ziehen, das heißt, der Kienspan sei auch nicht zu verachten. Und drittens käme die ganze Geschichte doch nur auf eine Konkurrenz für den Landwirt heraus, das heißt, dem guten Rüböl sollte der Garaus gemacht werden. Viertens und letztens aber: in sein Haus käme die neumodsche Sache nicht hinein, das heißt, er hätte nicht Lust, in die Luft gesprengt zu werden. Einmal, in der Schlacht von Leipzig, wär’s schon nahe daran gewesen, und daran hätte er noch genug. Worauf Artenau dringend bat: „Lieber Herr Herr, bitte, nehmen Sie das Ding fort. Aber erst auslöschen, erst auslöschen ...“ und alle lachten.

Nein, alle lachten nicht. Ihr selber war die Kehle wie zugeschnürt, und Herr Schwarz hatte nur ein Lächeln. Ein kleines, feines Lächeln, das etwa sagen mochte: Liebe Leute, was seid ihr für wunderliche Menschenkinder, und wie eng muß euch der Horizont gezogen sein.

Der gelbe Lichtschein über dem gläsernen Behälter war erloschen, der Tabaksschwaden strich wieder über den Tisch. Die Lampe aber wanderte den Tisch entlang. Jeder tastete und fühlte an dem neuen Lichtspender herum, und jeder gab seinen Senf dazu.

Ganz still saß Helene. Der Kopf war ihr auf die Brust gesunken, und die Hände hatte sie im Schoß verschränkt; fest preßten sich die Finger ineinander.

„Ich muß Sie singen hören, gnädiges Fräulein“, hörte sie neben sich.