Da kam der alte Trotz über sie. Sie zog die Achsel hoch. „Wozu? Es lohnt nicht!“ gab sie kurz, fast bitter zurück.
„Das können Sie selber nicht wissen. Und ... Sie haben einen Timbre in der Stimme, der meine Erwartung hochspannt.“
Sie sah ihn an. War das eben eine Phrase gewesen? Aber er hielt stand. „Glauben Sie’s mir nur, gnädiges Fräulein.“ Er beugte sich ein wenig vor und sprach leise weiter, in seinem weichen, einschmeichelnden Tonfall: „Es muß doch wohl so etwas geben wie Vorbedeutungen? Als ich vor drei Tagen durch den märkischen Sand rollte, in der Enge der Postchaise, ehrlich gestanden, mit ein wenig gemischten Gefühlen: warum hast du eigentlich die Einladung angenommen? Du hättest doch lieber in Berlin bleiben oder du hättest nach Paris gehen sollen — sehen Sie, da überkam mich plötzlich die Empfindung: du wirst hier etwas erleben. Eine ganz sichere Empfindung. Es ist mir früher schon ähnlich ergangen, und ich habe mich nie getäuscht. Als ich dann ausstieg, da fiel mein erster Blick auf eine junge Dame. Darf ich es aussprechen, auf eine sehr schöne junge Dame. Und ich wußte sofort: dein Erlebnis beginnt. Ich wußte, daß ich Sie wiedersehen würde.“
Er schwieg.
Ihr war das Blut ins Gesicht gewallt. Aber sie straffte den Nacken. Was fiel dem Herrn ein? Wie konnte er so zu ihr sprechen? Ihre Finger schoben sich noch fester ineinander. Starr sah sie geradeaus, mit einem hochmütigen Blick.
„Hätte ich das nicht sagen dürfen?“ hörte sie wieder die weiche Flüsterstimme. „Dann müssen Sie mir verzeihen. Ich bin ein Fremder hier und vielleicht nicht gewöhnt, die Worte auf die Goldwage zu legen. Wir Künstler dünken uns ja allzu leicht freier als der Alltäglichkeitsmensch ... Sind Sie zornig auf mich? Ich will mich bessern ... und dennoch, ich muß es Ihnen sagen: Ihr Unwille macht Sie nur noch reizvoller.“
Sie war empört. Sie antwortete nicht, sie bewegte sich nicht. Sie war empört, und doch lauschte sie: wird er nicht weiter sprechen? Und doch baute sie sich schon eine goldene Brücke: bin ich nicht am Ende ein rechtes Kind? Da draußen in der weiten, weiten Welt mag man noch ganz andere Worte wagen und sagen, und niemand nimmt Anstoß daran.
„Ich muß Sie singen hören!“ wiederholte er. „Ich muß!“
Er wartete. Bis er sich dann plötzlich zu dem Rackower umwandte. „Herr von Hackentin, wissen Sie, daß Sie eigentlich recht grausam gegen Ihren Gast waren?“
„Eheu!“ machte der Dicke. Er war zwar anscheinend während der letzten Minuten aufmerksam dem Gespräch der Herren gefolgt, in dem die Geister wieder aufeinander zu platzen schienen: einem Gespräch über den neuen Ministerpräsidenten Herrn von Bismarck-Schönhausen — aber er hatte dabei kein Auge von dem jungen Mädchen gewandt. Konnte er doch, wie Grucker immer behauptete, unter seinem Monokel „um die Ecke gucken“.